Wenn ich nur wollte
Was verbirgt der Satz, mit dem so viele kluge Köpfe ihr Leben aufschieben – „ich könnte ja, wenn ich nur wollte“? Polstert der Doktortitel bloß den Selbstwert, während das ewige Mögliche jede Entscheidung ersetzt, die nie fällt?
Dieser Sommer hat dem Phänomen einen Roman geschenkt: Eben ist bei Wagenbach Dario Ferraris „Die Pause ist vorbei“ erschienen, die Geschichte Marcellos, eines planlosen Geisteswissenschaftlers Anfang dreißig, der wie aus Versehen an ein Promotionsstipendium gerät. „Irgendwann ist jede Pause vorbei“, schreibt der Rezensent, „auch die, die man verlängerte Adoleszenz nennt und die gern und vor allem von geisteswissenschaftlichen Akademikern mittleren Rangs für sich in Anspruch genommen wird.“ Man kennt die Gestalt auch ohne Buch: promoviert, Mitte dreißig, im Beruf zuverlässig – und privat ein liebenswertes Chaos, das am Wochenende noch immer feiert, als wäre das Studium nie zu Ende gegangen. Über allem aber liegt ein Satz wie ein Kissen: Ich bin doch klug; wenn ich nur wollte, könnte ich alles. Die Frage, die unter ihm wartet, ist älter als jede Doktorprüfung: Was, wenn dieses „wenn ich wollte“ gar kein Wollen ist?
Es ist eine sympathische Figur, und gerade darin liegt ihre List. Der Doktortitel, hat Pierre Bourdieu gezeigt, ist die reinste Form dessen, was er institutionalisiertes kulturelles Kapital nannte: ein Stück Anerkennung, beglaubigt durch Urkunde, das sich mühelos in symbolisches Kapital verwandelt – in einen Vorschuss an Seriosität, der so vieles deckt. Wer ihn trägt, dem verzeiht man die unbezahlten Rechnungen, die nie geschriebene Steuererklärung, die durchwachten Nächte als „kreative Unordnung“. Untersuchungen deuten sogar an, dass es gerade die akademisch Begabten sind, die später eher zu einem dauerhaften, sozial gut eingepassten Konsum neigen – nicht zum lauten Absturz, sondern zum leisen, beherrschten Weitermachen. Das Chaos ruiniert nichts; es wird verwaltet. Und genau weil es funktioniert, stellt niemand die eigentliche Frage – außer den Philosophen, die sie seit je gestellt haben.
Aristoteles hätte beim Satz vom Können sofort innegehalten. Im siebten Buch der Nikomachischen Ethik beschreibt er den akrates, den Willensschwachen: den Menschen, der das Bessere klar erkennt und doch das Schlechtere tut. Wissen, so seine bittere Einsicht, schützt nicht vor dem Versagen; man kann die Einsicht besitzen wie ein Schlafender sein Wissen, ohne sie zu gebrauchen. Entscheidend aber ist, was er über die Tugend sagt: Sie ist kein Vermögen, das man auf Vorrat hält, sondern eine hexis, eine Haltung, die sich allein durch Tun bildet – gerecht wird, wer gerecht handelt, mutig, wer mutig handelt. Es gibt kein Talent zur Tüchtigkeit, das unberührt im Keller läge und auf seinen Augenblick wartete. Und die Klugheit, die Mittel findet, jene geschäftige deinotes, ist noch lange nicht die phronesis, die praktische Weisheit, die an den Charakter gebunden bleibt. „Wenn ich nur wollte“ verwechselt beides: die Schläue mit der gelebten Vernunft.
Søren Kierkegaard hätte in dem Satz das Wappen eines ganzen Lebensstils erkannt – des ästhetischen. Der Ästhetiker aus „Entweder – Oder“ lebt im Möglichen, im Interessanten, in der Kunst, sich nicht zu langweilen; er beherrscht die „Wechselwirtschaft“, jenes ständige Umpflügen der Reize, das jede Bindung meidet, weil Bindung das Ende der Möglichkeiten wäre. Wählen heißt verlieren, und so wählt er nichts und hält alle Türen offen. Was wie Freiheit aussieht, ist für Kierkegaard die tiefste Unfreiheit: In der „Krankheit zum Tode“ nennt er sie die Verzweiflung des Möglichen – ein Selbst, das sich in lauter Möglichkeit verflüchtigt und nie wirklich wird, weil Wirklichwerden die Verengung verlangt, den Sprung ins Verbindliche. Der ewige Doktorand des Lebens ist nicht zu klug zum Wählen. Er ist zu verliebt ins „ich könnte“, um je zu sein.
Jean-Paul Sartre hätte es schärfer gesagt: Das ist mauvaise foi, böser Glaube, Selbsttäuschung. In „Das Sein und das Nichts“ beschreibt er, wie der Mensch vor der Angst seiner Freiheit flieht – mal indem er sich auf die nackten Tatsachen herausredet, mal indem er sich in die bloße Möglichkeit rettet, in das, was er angeblich sein könnte. Der Träumer vom unrealisierten Genie tut genau dies: Er behandelt sich als reines Versprechen und verleugnet zugleich die Bilanz seiner Taten. Doch Sartre kennt kein Reservoir verschütteter Größe. „Der Feigling macht sich feige, der Held macht sich heldenhaft“ – der Mensch ist nichts anderes als die Summe seiner Handlungen, kein verborgener Schatz, den man nur nicht gehoben hat. Das schmeichelhafte „wenn ich wollte“ ist die eleganteste Lüge, die das Bewusstsein sich erzählt, um dem Urteil dessen zu entgehen, was es tatsächlich getan hat.
Bleibt Friedrich Nietzsche, dem die Selbstzufriedenheit des Klugen ein Greuel war. In ihm lauert das Bild vom „letzten Menschen“, der das Glück erfunden hat und blinzelt – der alles weiß, was je geschah, und gerade dadurch davor bewahrt ist, je etwas werden zu müssen. „Werde, der du bist“, rief Nietzsche (das Wort steht in der „Fröhlichen Wissenschaft“), und er meinte das Gegenteil eines Vorrats: ein Werk der Selbstüberwindung, nicht das Verwalten von Potenzial. Auch der Rausch, den er feierte, war ein dionysischer, ein schöpferischer – nicht das Betäubungsmittel des Wochenendes, das die Frage einschläfert, statt sie zu stellen. Wer sich mit „ich bin doch klug“ tröstet, hat den Trost des letzten Menschen gewählt. Und so kehrt am Ende Ferraris Titel wieder, nun als Schicksal: Irgendwann ist die Pause vorbei. Es fragt sich nur, ob man sich von einem Leben ausgeruht hat – oder anstatt eines Lebens; und ob das „wenn ich wollte“ je ein Wille war oder bloß die bequemste Art, es nie herauszufinden.
Kernnoten der Denker
Was jeder von ihnen zu dieser Frage beizutragen hat.
Aristoteles fasst das „ich könnte ja, wenn ich wollte“ als akrasia, Willensschwäche (Nikomachische Ethik, Buch VII): Man erkennt das Bessere klar und tut doch das Schlechtere – Wissen allein schützt vor nichts. Vor allem aber ist Tüchtigkeit für ihn kein Vorrat, sondern eine hexis, eine Haltung, die sich nur im Tun bildet: gerecht wird, wer gerecht handelt. Ein unberührtes Talent zur Lebensführung, das auf seinen Augenblick wartet, gibt es nicht – und die findige Schläue (deinotes) ist noch nicht die charaktergebundene praktische Weisheit (phronesis).
Kierkegaard erkennt im Leben aus lauter Möglichkeit das ästhetische Stadium aus „Entweder – Oder“: Der Ästhetiker meidet jede Wahl, weil Wählen das Ende der offenen Türen wäre, und hält sich mit der „Wechselwirtschaft“ der Reize die Langeweile vom Leib. In der „Krankheit zum Tode“ wird daraus die Verzweiflung des Möglichen – ein Selbst, das sich ins bloß Mögliche verflüchtigt und nie wirklich wird, weil Wirklichwerden den Sprung ins Verbindliche verlangt. Nicht Klugheit hält den ewigen Doktoranden des Lebens vom Wählen ab, sondern die Verliebtheit ins „ich könnte“.
Für Sartre ist das schmeichelhafte „wenn ich wollte“ mauvaise foi, Selbsttäuschung (Das Sein und das Nichts): die Flucht vor der Angst der Freiheit, indem man sich in die bloße Möglichkeit rettet und die Bilanz der eigenen Taten verleugnet. Es gibt kein Reservoir unrealisierter Größe – „der Feigling macht sich feige, der Held macht sich heldenhaft“. Der Mensch ist nichts als die Summe seiner Handlungen; das Berufen aufs Mögliche ist die eleganteste Lüge, mit der das Bewusstsein dem Urteil seiner Taten entkommt.
Nietzsche sah in der Selbstzufriedenheit des Klugen den „letzten Menschen“, der das Glück erfunden hat und blinzelt – der alles weiß und gerade dadurch nichts mehr werden muss. Sein „Werde, der du bist“ (Die fröhliche Wissenschaft) meint das Gegenteil eines Vorrats: ein Werk der Selbstüberwindung. Auch der Rausch, den er feierte, war dionysisch-schöpferisch, nicht das betäubende Vergnügen, das die Frage nach dem eigenen Werden einschläfert. Wer sich mit „ich bin doch klug“ tröstet, hat den Trost des letzten Menschen gewählt.
Quellen
Geprüfte Primär- und Sekundärquellen, auf die sich dieser Artikel stützt.
- Aristoteles, Nikomachische Ethik (ca. 4. Jh. v. Chr.). Buch VII (1145b–1147b) zur akrasia: das Erkennen des Besseren bei Tun des Schlechteren; Buch II: Tugend als hexis, die sich durch Tun bildet; Buch VI zur Unterscheidung von deinotes (Schläue) und phronesis (praktischer Weisheit).
- Søren Kierkegaard, Entweder – Oder (1843). Das ästhetische Stadium, die „Wechselwirtschaft“ (Rotationsmethode) und die Scheu vor der verbindlichen Wahl, die alle Möglichkeiten offenhält.
- Søren Kierkegaard, Die Krankheit zum Tode (1849). Die „Verzweiflung des Möglichen“: ein Selbst, das sich in lauter Möglichkeit verliert und nicht wirklich wird, weil ihm der Sprung ins Verbindliche fehlt.
- Jean-Paul Sartre, Das Sein und das Nichts (L’Être et le néant) (1943). Die mauvaise foi (Selbsttäuschung) als Flucht vor der Angst der Freiheit, indem man sich in die bloße Möglichkeit rettet und die Bilanz der eigenen Taten verleugnet.
- Jean-Paul Sartre, Der Existentialismus ist ein Humanismus (L’existentialisme est un humanisme) (1946). Quelle des Diktums „der Feigling macht sich feige, der Held macht sich heldenhaft“: der Mensch ist nichts als die Summe seiner Handlungen, kein Reservoir unrealisierter Größe.
- Friedrich Nietzsche, Also sprach Zarathustra (1883–1885). Vorrede: der „letzte Mensch“, der das Glück erfunden hat und blinzelt – der alles weiß und gerade dadurch nichts mehr werden muss.
- Friedrich Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft (1882). Das Motiv „Werde, der du bist“ (§ 270) als Aufruf zur Selbstüberwindung statt zum Verwalten unrealisierten Potenzials.
- Jeffrey Jensen Arnett, Emerging Adulthood: A Theory of Development from the Late Teens Through the Twenties (American Psychologist) (2000). Prägt die verlängerte Übergangsphase mit „Gefühl des Dazwischenseins“ und einem „Sinn für unbegrenzte Möglichkeiten“; bei Promovierten zieht sie sich oft bis in die Mitte der Dreißiger.
- Pierre Bourdieu, Ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital (1983). Der akademische Titel als institutionalisiertes kulturelles Kapital, das sich in symbolisches Kapital (Prestige, Seriosität) verwandelt.
- Walter Delabar (Rezension), zu Dario Ferrari: Die Pause ist vorbei (übers. Christiane Pöhlmann, Verlag Klaus Wagenbach), literaturkritik.de (2026). Der Roman um den planlosen Jungakademiker Marcello; die zitierte Diagnose der „verlängerten Adoleszenz“ geisteswissenschaftlicher Akademiker mittleren Rangs. Aufhänger der Ausgabe.
- Mark Williams / Gareth Hagger-Johnson, Childhood academic ability in relation to cigarette, alcohol and cannabis use (BMJ Open) (2017). Befund auf Basis der 1970 British Cohort Study: akademisch begabte Kinder neigen später eher zu regelmäßigem, sozial eingepasstem Alkohol- und Cannabiskonsum – nicht zum exzessiven Absturz.