Zum Inhalt springen
thauma.
← Alle großen Fragen

Problem

Willensfreiheit oder Determinismus

Sind wir frei – oder ist alles vorherbestimmt?

Das Problem entsteht aus einer scheinbar zwingenden Kette: Ist jeder Zustand der Welt lückenlos durch vorangehende Ursachen festgelegt, so auch jeder neuronale Vorgang, der einer Entscheidung zugrunde liegt — und dann scheint die erlebte Wahl bloß das Bewusstwerden eines längst feststehenden Ablaufs. Doch wer die Freiheit streicht, streicht zugleich die Zurechnung: Lob, Schuld und Verantwortung setzen voraus, daß der Handelnde auch anders hätte handeln können. Die begriffliche Falle liegt darin, daß beide Sätze — „alles ist verursacht“ und „ich hätte anders gekonnt“ — je für sich unwiderstehlich erscheinen, sich aber zu widersprechen scheinen. So steht das Selbstverständnis des moralischen Wesens gegen das Kausalbild der Natur, und es ist keineswegs ausgemacht, daß sich beides ohne Verlust vereinen läßt.

Die maßgeblichen Positionen

Transzendentaler Idealismus der Freiheit

Immanuel Kant

Als Erscheinung in der Zeit ist der Mensch durchgängig determiniert, als Vernunftwesen aber intelligibel frei.

Kant trennt die Sinnenwelt, in der lückenlose Kausalität herrscht, von der intelligiblen Welt, in der das Subjekt als Ding an sich aus reiner Vernunft eine Kausalität durch Freiheit eröffnen kann. Das rettet die Zurechnung, ohne das Naturgesetz anzutasten — überzeugt aber nur, solange man die problematische Annahme einer dem Erkennen entzogenen, zeitlosen Selbsttätigkeit mitträgt.

Determinismus der Charakterkausalität

Arthur Schopenhauer

Der Mensch kann tun, was er will, aber er kann nicht wollen, was er will — frei ist nur das Gefühl, nicht die Tat.

Schopenhauer hält am Satz vom zureichenden Grunde fest: Jede Handlung folgt mit Notwendigkeit aus dem unveränderlichen, angeborenen Charakter und dem hinzutretenden Motiv. Die Freiheit ist eine Illusion des Selbstbewußtseins; einzig in Kants intelligiblem Charakter, der dem Sein und nicht dem Handeln gilt, sucht er ihr noch einen Ort — eine konsequente, aber für das gelebte Wählen kalte Lösung.

Kompatibilismus

David Hume

Freiheit heißt nicht Ursachlosigkeit, sondern Handeln nach dem eigenen Willen ohne äußeren Zwang.

Hume entschärft den Gegensatz, indem er Freiheit als Abwesenheit von Zwang neu bestimmt: Frei ist eine Handlung, die aus den eigenen Motiven folgt, gleichgültig ob diese selbst verursacht sind — Determinismus und Verantwortung sind so versöhnt. Der Einwand bleibt, daß damit nur die Handlungsfreiheit, nicht die tiefere Willensfreiheit gerettet wird: Man tut, was man will, doch das Wollen selbst steht nicht zur Wahl.

Existenzielle Freiheit

Jean-Paul Sartre

Der Mensch ist nicht frei, sondern zur Freiheit verurteilt — es gibt keine Natur, die seine Wahl vorwegnähme.

Sartre kehrt das Verhältnis um: Da dem Menschen keine festlegende Wesensbestimmung vorausgeht, ist er in jedem Augenblick die ungedeckte Quelle seines Entwurfs und kann sich nicht hinter Ursachen, Trieben oder Umständen verbergen. Das radikalisiert die Verantwortung bis zur Unausweichlichkeit — überdehnt aber womöglich den Freiheitsbegriff, indem es die schiere Macht der biologischen und sozialen Bedingtheit unterspielt.

Warum es offen bleibt

Die Frage bleibt strittig, weil die beiden Leitintuitionen — die universale Kausalität der Natur und das Bewußtsein, anders handeln zu können — sich keiner Seite restlos opfern lassen, ohne daß ein zentraler Teil unseres Welt- oder Selbstbildes zerbricht. Jeder Lösungsweg erkauft die Versöhnung mit einem Preis: Kant mit einer unerkennbaren intelligiblen Welt, der Kompatibilismus mit dem Verzicht auf die tiefere Willensfreiheit, der Determinismus mit der Entwertung des moralischen Selbstgefühls. Auch die moderne Hirnforschung verschiebt die Fronten nur, statt sie aufzulösen, denn ob neuronale Vorgänge die Freiheit widerlegen oder bloß realisieren, hängt selbst wieder davon ab, was man unter Freiheit verstehen will.

Lust, selbst zu streiten? Diskutier die Frage im Live-Gespräch mit einem der Denker.