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J
Gegenwart · ca. 1950 – heute

Jean-Paul Sartre

1905–1980

Wortführer des französischen Existenzialismus und Verfechter der radikalen Freiheit. Sein Satz „Die Existenz geht der Essenz voraus“ wurde zur Formel einer ganzen Epoche.

ExistenzialismusPhänomenologieMetaphysikPhilosophische AnthropologieEthikPolitische Philosophie
Die Existenz geht der Essenz voraus – Illustration

Bekanntestes Konzept

Die Existenz geht der Essenz voraus

Der Mensch hat keine vorgegebene Natur, sondern existiert zuerst und bestimmt sein Wesen erst nachträglich durch seine eigenen Entwürfe. Aus dieser radikalen Freiheit folgt die volle Verantwortung für das, wozu er sich macht.

Jean-Paul Sartre war Philosoph, Schriftsteller und engagierter Intellektueller und prägte wie kaum ein anderer das geistige Klima des 20. Jahrhunderts. Aufbauend auf der Phänomenologie Husserls und der Ontologie Heideggers entwarf er in „Das Sein und das Nichts“ eine eigenständige Philosophie der menschlichen Freiheit. Sein Ausgangspunkt ist die These, dass es beim Menschen keine vorgegebene Natur gebe: Der Mensch existiert zunächst, begegnet sich, taucht in der Welt auf – und definiert sich erst danach durch seine Entwürfe. Aus dieser radikalen Freiheit folgt für Sartre eine ebenso radikale Verantwortung: Wer wählt, wählt zugleich ein Bild des Menschen, ohne sich auf Gott, Natur oder vorgegebene Werte berufen zu können. Mit Simone de Beauvoir bildete er ein intellektuelles Paar, das Philosophie, Literatur und politisches Engagement verband; 1964 lehnte er den Nobelpreis für Literatur ab. Sein Denken wandelte sich später hin zu einem Versuch, Existenzialismus und Marxismus zu verbinden.

Kernideen

  • 1.Existenz vor Essenz: Der Mensch hat keine vorgegebene Natur, sondern macht sich erst durch sein Handeln zu dem, was er ist.
  • 2.Radikale Freiheit: Der Mensch ist „zur Freiheit verurteilt“ – er kann nicht nicht wählen, selbst Nichtwählen ist eine Wahl.
  • 3.Verantwortung: Mit der Freiheit trägt der Einzelne die volle Verantwortung für sich und – im Wählen seines Menschenbildes – für alle.
  • 4.Das Nichts: Das Bewusstsein (das Für-sich) ist kein Ding, sondern Negation; es bringt das Nichts in die volle Positivität des An-sich.
  • 5.An-sich und Für-sich: Unterscheidung zwischen dem trägen, identischen Sein der Dinge und dem freien, sich entwerfenden Sein des Bewusstseins.
  • 6.Mauvaise foi (Unaufrichtigkeit / böser Glaube): die Selbsttäuschung, mit der man die eigene Freiheit verleugnet und sich als bloßes Ding behandelt.
  • 7.Der Blick des Anderen: In der Begegnung erfahre ich mich als Objekt für den Anderen – „Die Hölle, das sind die anderen.“
  • 8.Engagement: Philosophie und Literatur müssen Stellung beziehen; der Intellektuelle steht in der Verantwortung für seine Zeit.

Bezug zur Technikphilosophie

Sartres Unterscheidung von An-sich und Für-sich liefert ein scharfes Kriterium für die Philosophie der Technik: Werkzeuge, Maschinen und algorithmische Systeme gehören zum trägen, festgelegten An-sich, während allein das Bewusstsein als entwerfende Freiheit existiert – was die Rede von einer „autonomen“ oder „bewussten“ Künstlichen Intelligenz fragwürdig erscheinen lässt. Schon sein Beispiel des hergestellten Brieföffners, dessen Essenz (Zweck und Begriff im Geist des Herstellers) der Existenz vorausgeht, ist ein präzises Modell technischer Hervorbringung – und zugleich der Kontrast, an dem er die Freiheit des Menschen abhebt. Brisant für das digitale Zeitalter ist seine „mauvaise foi“: Wer sich von Algorithmen, Profilen oder vermeintlich alternativlosen Systemzwängen bestimmen lässt und sich als bloßes Ding behandelt, begeht jene Selbsttäuschung, mit der man die eigene Freiheit verleugnet. Auch „der Blick des Anderen“, in dem ich zum Objekt erstarre, gewinnt unter den Bedingungen permanenter Sichtbarkeit und Datenüberwachung neue, beklemmende Aktualität.

Wahrheitsbegriff

Sartre denkt Wahrheit nicht als bloße Übereinstimmung von Aussage und Sache, sondern als Vollzug des Für-sich, das durch seine Negation überhaupt erst ein Enthüllen von Sein ermöglicht: Das Bewusstsein lässt die Welt als das erscheinen, was sie ist. Eng damit verknüpft ist die existenzielle Forderung der Aufrichtigkeit – der Unaufrichtigkeit (mauvaise foi) stellt er die wahrhaftige Übernahme der eigenen Freiheit gegenüber. Im Spätwerk verbindet er Wahrheit mit Praxis und Geschichte: Wahr wird, was sich im engagierten Handeln und in der dialektischen Aneignung der Situation bewährt.

Subjekt & Objekt

Sartre unterscheidet das träge, mit sich identische An-sich der Dinge (Objektsein) vom negierenden, sich entwerfenden Für-sich des Bewusstseins (Subjektsein), das niemals zum bloßen Objekt erstarrt. Seine eigentliche Pointe liegt im „Blick des Anderen“: Unter dem Blick eines anderen Subjekts erfahre ich mich selbst als Objekt, werde verdinglicht und meiner freien Perspektive enthoben – „Die Hölle, das sind die anderen.“ Subjektivität und Objektivität sind so keine fixen Pole, sondern Weisen, in denen sich Bewusstsein und das Sein des Anderen wechselseitig konstituieren. Die Unaufrichtigkeit (mauvaise foi) besteht gerade darin, sich selbst lügnerisch als festgelegtes Ding (An-sich) zu behandeln und damit die eigene Subjektivität zu verleugnen.

Gerechtigkeit

Sartre entwirft keine systematische Theorie der Gerechtigkeit, doch folgt aus seiner Philosophie der radikalen Freiheit eine fordernde Ethik der Verantwortung: Wer wählt, wählt zugleich ein Bild des Menschen für alle und kann sich auf keine vorgegebenen Werte berufen. Gerechtigkeit bemisst sich für ihn daran, ob die Freiheit des Einzelnen die Freiheit aller anderen anerkennt und fördert – ein Gedanke, den Simone de Beauvoir in der „Ethik der Mehrdeutigkeit“ ausführt. Im Spätwerk verschiebt sich der Akzent hin zu konkreter sozialer und politischer Befreiung: In der „Kritik der dialektischen Vernunft“ verbindet Sartre den Existenzialismus mit dem Marxismus und deutet Unterdrückung und Ungerechtigkeit als Verdinglichung des freien Praxis-Subjekts. Gerechtigkeit erscheint so als das engagierte Aufheben von Strukturen, die Menschen zum bloßen „An-sich“ erstarren lassen.

Logische Beweise & Argumente

Existenz vor Essenz

Sartres zentrales Argument für die radikale Freiheit des Menschen aus der Absage an einen göttlichen Schöpfer oder eine vorgegebene Natur.

  1. P1Bei einem hergestellten Gegenstand (etwa einem Brieföffner) geht die Essenz – Begriff und Zweck im Geist des Herstellers – der Existenz voraus.
  2. P2Diese Vorgängigkeit der Essenz setzt einen Schöpfer voraus, der den Begriff des Dings vor dessen Dasein besitzt.
  3. P3Für den Menschen gibt es keinen solchen Schöpfer und damit keine vorgegebene menschliche Natur (Essenz).
  4. P4Folglich existiert der Mensch zuerst und bestimmt sein Wesen erst nachträglich durch seine eigenen Entwürfe.
  5. Beim Menschen geht die Existenz der Essenz voraus; er ist nichts anderes als das, wozu er sich macht – und damit frei und voll verantwortlich.
¬∃Schöpfer → ¬Essenz(Mensch) vor Existenz(Mensch)

Das Argument erbt seinen Ausgangspunkt von Heideggers Daseinsanalyse, radikalisiert sie aber zu einem Freiheits- und Verantwortungspathos. Kritisch lässt sich einwenden, dass die strikte Folgerung von „kein Schöpfer“ auf „keine Natur“ voreilig ist: Auch ohne Gott könnte eine biologisch-anthropologische Natur den Spielraum der Selbstwahl begrenzen – ein Einwand, der bereits gegen Kants Trennung von Vernunft und Neigung mitschwingt.

Unaufrichtigkeit (mauvaise foi)

Argument dafür, dass die Flucht vor der eigenen Freiheit eine paradoxe Selbsttäuschung ist.

  1. P1Der Mensch ist wesentlich frei und nicht mit sich selbst als Ding identisch (Für-sich, nicht An-sich).
  2. P2In der Unaufrichtigkeit behandelt sich der Mensch so, als sei er ein festgelegtes Ding ohne Wahl (etwa „Ich bin nun einmal so“).
  3. P3Wer sich täuscht, muss die verleugnete Wahrheit zugleich kennen, sonst gäbe es nichts zu verbergen.
  4. Die Unaufrichtigkeit setzt das Wissen um die eigene Freiheit voraus, die sie verleugnet; sie ist daher kein bloßer Irrtum, sondern eine aktive, in sich widersprüchliche Selbsttäuschung.

Sartre wendet sich damit gegen jede deterministische Entlastung des Subjekts. Die Struktur erinnert an Descartes’ Cogito: Wie das Zweifeln das zweifelnde Ich voraussetzt, setzt das Verleugnen der Freiheit das freie Bewusstsein voraus, das verleugnet.

Hauptwerke

  • Das Sein und das Nichts (L’Être et le néant)(1943)

    Philosophisches Hauptwerk: phänomenologische Ontologie von An-sich, Für-sich, Freiheit und Unaufrichtigkeit.

  • Der Ekel (La Nausée)(1938)

    Philosophischer Roman über die Kontingenz und Sinnlosigkeit des bloßen Daseins.

  • Der Existenzialismus ist ein Humanismus(1946)

    Berühmter Vortrag, der den Existenzialismus popularisiert und gegen Vorwürfe verteidigt; Quelle der Formel „Existenz vor Essenz“.

  • Kritik der dialektischen Vernunft(1960)

    Spätwerk: Versuch, Existenzialismus und Marxismus zu einer Theorie der Geschichte zu verbinden.

Zitate

Der Mensch ist zur Freiheit verurteilt.

Der Existenzialismus ist ein Humanismus (1946)

Die Existenz geht der Essenz voraus.

Der Existenzialismus ist ein Humanismus (1946)

Die Hölle, das sind die anderen.

Geschlossene Gesellschaft / Huis clos (1944)

Aus dem Leben

Die Ablehnung des Nobelpreises

Als Sartre 1964 der Nobelpreis für Literatur zugesprochen wurde, lehnte er ihn als erster Preisträger freiwillig ab. Er begründete dies damit, dass ein Schriftsteller sich nicht in eine Institution verwandeln lassen dürfe, und unterschrieb seine Werke schließlich nur mit dem eigenen Namen, nicht mit „Nobelpreisträger Jean-Paul Sartre“. Schon vorher hatte er konsequent alle offiziellen Ehrungen zurückgewiesen. Der Überlieferung nach soll er Jahre später, in finanziell knappen Zeiten, dennoch erfolglos nach dem Preisgeld gefragt haben. Die Geste passt zu seiner Philosophie: Der Mensch soll frei bleiben und sich nicht zum festgelegten Ding einer Institution machen lassen.

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