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Moderne · ca. 1800 – 1950

Søren Kierkegaard

1813–1855

Der dänische Denker des Einzelnen und Vater des Existenzialismus. Gegen das System Hegels stellte er die existierende, leidende, wählende Person – und beschrieb die Angst als den „Schwindel der Freiheit“ und den Glauben als einen Sprung, den keine Vernunft erzwingen kann.

ExistenzialismusEthikMetaphysik
Der Sprung des Glaubens – Illustration

Bekanntestes Konzept

Der Sprung des Glaubens

Der Glaube ist für Kierkegaard kein Schluss, den man aus Gründen zieht, sondern ein Sprung über einen Abgrund. Zwischen objektiver Ungewissheit und der unbedingten Hingabe klafft eine Lücke, die keine Vernunft schließen kann. Abraham, der auf Gottes Geheiß seinen Sohn opfern soll, glaubt „kraft des Absurden“ – gegen alle Vernunft und Ethik – und wird so zum „Ritter des Glaubens“. Wer springt, hat keine Sicherheit; gerade die Ungewissheit, über die man sich mit Leidenschaft hinwegsetzt, macht den Glauben zum Glauben.

Søren Kierkegaard gilt als Vater des Existenzialismus. Im Kopenhagen des 19. Jahrhunderts schrieb er gegen die große Philosophie seiner Zeit an – vor allem gegen Hegels Versuch, alle Wirklichkeit in ein vernünftiges, abgeschlossenes System zu fassen. Kierkegaard hielt dagegen, dass kein System die einzelne, konkrete Existenz einholen kann: Wer wirklich lebt, steht immer vor einer Wahl, die ihm niemand abnimmt. Sein Denken kreist um wenige große Begriffe – die Angst, die Verzweiflung, den Sprung des Glaubens, die drei Stadien des Lebensweges und vor allem „den Einzelnen“. Vieles veröffentlichte er unter Pseudonymen wie Johannes de silentio, Vigilius Haufniensis oder Johannes Climacus, um verschiedene Lebenshaltungen von innen sprechen zu lassen, ohne sie zur Lehre zu erstarren. „Subjektivität ist die Wahrheit“: Nicht ein objektiver Lehrsatz, sondern die leidenschaftliche Aneignung im eigenen Leben entscheidet, ob ein Mensch in der Wahrheit steht.

Kernideen

  • 1.Der Einzelne (hiin Enkelte): Wahrheit und Verantwortung liegen nicht in der Masse, im „Publikum“ oder im System, sondern im einzelnen, vor sich selbst und vor Gott stehenden Menschen.
  • 2.Die Angst (Begrebet Angest): Anders als die Furcht hat die Angst kein bestimmtes Objekt – sie ist der „Schwindel der Freiheit“, das Erschauern vor der eigenen Möglichkeit, wählen zu können.
  • 3.Die drei Stadien: Der ästhetische, der ethische und der religiöse Lebensweg als drei grundverschiedene Weisen, zu existieren.
  • 4.Das ästhetische Stadium: Leben im Augenblick, im Genuss, in der Vielfalt der Möglichkeiten – das aber zwangsläufig in Langeweile und Verzweiflung endet.
  • 5.Das ethische Stadium: Die Wahl seiner selbst, die Bindung an Pflicht, Treue und Verantwortung – das Ich gibt sich Kontinuität und Ernst.
  • 6.Das religiöse Stadium: Das Verhältnis des Einzelnen zu Gott „kraft des Absurden“, der Sprung des Glaubens jenseits von Genuss und Pflicht.
  • 7.Die Verzweiflung als „Krankheit zum Tode“: Das gestörte Verhältnis des Selbst zu sich selbst – nicht es selbst sein zu wollen oder verzweifelt es selbst sein zu wollen.
  • 8.Subjektivität ist die Wahrheit: Entscheidend ist nicht ein objektiver Lehrsatz, sondern die leidenschaftliche, existenzielle Aneignung im eigenen Leben.

Bezug zur Technikphilosophie

Kierkegaard hatte keine Maschinen vor Augen, doch seine Kritik des „Publikums“ und der „Nivellierung“ liest sich wie eine Vorwegnahme der Mediengesellschaft. In seinem Pamphlet über „Die gegenwärtige Zeit“ beschreibt er, wie die anonyme Öffentlichkeit – ein Phantom ohne Gesicht, geschaffen durch die Presse – den Einzelnen einebnet, jede Leidenschaft in unverbindliches Gerede auflöst und Verantwortung an niemanden delegiert. Übertragen auf soziale Medien und algorithmische Aufmerksamkeitsökonomie wird seine Diagnose erschreckend aktuell: Das „Publikum“ heutiger Plattformen ist genau jene gesichtslose Masse, in der der Einzelne sich verliert, statt vor sich selbst zu stehen. Sein Gegenmittel bleibt dasselbe – die Wiedergewinnung des Einzelnen, der seine Existenz nicht der Menge überlässt.

Wahrheitsbegriff

„Subjektivität ist die Wahrheit“ – mit dieser provozierenden Formel wendet sich Kierkegaard gegen den Objektivitätsanspruch der Wissenschaft und des hegelschen Systems. Er bestreitet nicht, dass es objektive Wahrheiten der Mathematik oder Naturkunde gibt; sein Punkt ist, dass die Wahrheiten, auf die es im Existieren ankommt – wie ich leben, woran ich glauben, wem ich mich hingeben soll –, sich nicht objektiv festschreiben lassen. Hier zählt das Wie der Aneignung: die innerliche, leidenschaftliche Verhältnissetzung des Einzelnen zu dem, was er für wahr hält. Wahrheit ist in diesem Sinne nicht ein Satz, der in einem Buch steht, sondern eine Weise zu existieren – sie muss gelebt, nicht bloß gewusst werden.

Subjekt & Objekt

Kierkegaards ganzes Denken ist ein Aufstand des Subjekts gegen seine objektive Vereinnahmung. Hegel hatte das Einzelne als bloßes Moment im Gang des objektiven Geistes verstanden – aufgehoben im großen System. Kierkegaard hält dagegen, dass der „existierende Denker“ nie mit dem Gedachten zusammenfällt: Solange ich existiere, bin ich nicht fertig, nicht abgeschlossen, immer noch im Werden und vor einer Wahl. Das System kann alles begreifen, nur nicht das eine, das ihm wesentlich entgeht – die konkrete, leidende, wählende Existenz dessen, der das System aufstellt. Damit verschiebt Kierkegaard den Schwerpunkt vom erkennenden Subjekt der Erkenntnistheorie zum existierenden Subjekt der Lebensführung.

Logische Beweise & Argumente

Warum der Glaube ein Sprung sein muss und kein Beweis

Kierkegaard zeigt, dass sich der Glaube grundsätzlich nicht in objektives Wissen verwandeln lässt – nicht, weil uns Argumente fehlen, sondern weil objektive Gewissheit das Glauben gerade aufheben würde.

  1. P1Glaube richtet sich auf etwas, das die Vernunft nicht beweisen kann (das ewige, unbedingte Verhältnis zu Gott, das „Absurde“ der Menschwerdung Gottes in der Zeit).
  2. P2Wäre dieser Gegenstand objektiv beweisbar und gewiss, so wäre er ein Gegenstand des Wissens – und Wissen verlangt keinen Glauben mehr.
  3. P3Zwischen objektiver Ungewissheit und unbedingter Hingabe bleibt daher immer eine Lücke, die kein Argument schließen kann.
  4. P4Diese Lücke kann nur durch einen Entschluss des Einzelnen übersprungen werden – durch leidenschaftliche Aneignung trotz der Ungewissheit.
  5. Also ist der Glaube wesentlich ein Sprung: ein Akt der Freiheit über den Abgrund der Ungewissheit hinweg, den keine objektive Begründung ersetzen oder erzwingen kann.

Damit verkehrt Kierkegaard die übliche Erwartung: Nicht trotz, sondern wegen der Ungewissheit ist Glaube überhaupt möglich. „Subjektivität ist die Wahrheit“ heißt hier, dass das Wie der Aneignung – die unendliche Leidenschaft des Einzelnen – entscheidet, nicht das Was eines beweisbaren Satzes. Gerade deshalb wird Abraham, der „kraft des Absurden“ glaubt, zur Grenzfigur, an der die Vernunft schweigen muss.

Hauptwerke

  • Entweder – Oder (Enten – Eller, 1843)

    Das erste große Werk, unter Pseudonym: Es stellt das ästhetische und das ethische Lebensstadium in zwei Stimmen einander gegenüber – den genießenden Ästhetiker und den verantwortlichen Ethiker – und zwingt den Leser zur Wahl zwischen ihnen.

  • Furcht und Zittern (Frygt og Bæven, 1843)

    Unter dem Pseudonym Johannes de silentio: die Meditation über Abraham, der Isaak opfern soll. Hier entwickelt Kierkegaard den „Ritter des Glaubens“, die „teleologische Suspension des Ethischen“ und den Sprung „kraft des Absurden“.

  • Der Begriff Angst (Begrebet Angest, 1844)

    Unter dem Pseudonym Vigilius Haufniensis: die berühmte Analyse der Angst als „Schwindel der Freiheit“ – die Stimmung, in der der Mensch seine eigene Möglichkeit und damit die Sünde gewahr wird.

  • Die Krankheit zum Tode (Sygdommen til Døden, 1849)

    Unter dem Pseudonym Anti-Climacus: die Bestimmung der Verzweiflung als das Missverhältnis des Selbst zu sich selbst – die „Krankheit zum Tode“, die erst im Glauben geheilt wird.

  • Abschließende unwissenschaftliche Nachschrift (Afsluttende uvidenskabelig Efterskrift, 1846)

    Unter dem Pseudonym Johannes Climacus: die große Auseinandersetzung mit Hegels System und die These „Subjektivität ist die Wahrheit“ – das existierende Subjekt lässt sich nicht in objektives Wissen auflösen.

Zitate

Die Angst ist der Schwindel der Freiheit.

Der Begriff Angst (1844)

Das Leben kann nur rückwärts verstanden, aber es muss vorwärts gelebt werden.

Tagebücher

Wagen macht ängstlich, aber nicht zu wagen heißt sich selbst verlieren.

Die Krankheit zum Tode (1849), sinngemäß zugeschrieben

Aus dem Leben

Der Bruch mit Regine

1840 verlobte sich Kierkegaard mit der jungen Regine Olsen, die er aufrichtig liebte. Doch schon ein Jahr später löste er die Verlobung – aus der Überzeugung, dass seine Schwermut und seine Bestimmung zum Schriftsteller ihn für die Ehe untauglich machten. Der Bruch stürzte beide in tiefes Leid und wurde zum heimlichen Brennpunkt seines Werks: In „Furcht und Zittern“ klingt die Frage an, ob man das Liebste opfern muss; das Motiv des Verzichts und der „Wiederholung“ durchzieht viele seiner Schriften. Regine heiratete später einen anderen, doch Kierkegaard trug sie sein Leben lang im Herzen und setzte sie testamentarisch als seine Erbin ein. Aus einer privaten Tragödie wurde der existenzielle Stoff einer ganzen Philosophie.

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