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E
Moderne · ca. 1800 – 1950

Edmund Husserl

1859–1938

Der Begründer der Phänomenologie. Mit dem Ruf „Zu den Sachen selbst!“ wollte Husserl die Philosophie zu einer strengen Wissenschaft machen – durch genaue Beschreibung dessen, wie sich die Dinge dem Bewusstsein zeigen.

PhänomenologieErkenntnistheorie
Die Epoché – Einklammerung der Welt – Illustration

Bekanntestes Konzept

Die Epoché – Einklammerung der Welt

In der „natürlichen Einstellung“ nehmen wir selbstverständlich an, dass die Welt unabhängig von uns existiert. Husserls Epoché (von griechisch epochḗ, „Zurückhalten“) setzt dieses Urteil über das Sein der Welt außer Geltung – nicht, indem sie es leugnet, sondern indem sie es „einklammert“. Was übrig bleibt, ist nicht weniger, sondern mehr: das reine Erscheinen der Dinge im Bewusstsein, gereinigt von allen ungeprüften Voraussetzungen. So wird der Blick frei für die Sachen selbst, wie sie sich geben.

Edmund Husserl, ursprünglich Mathematiker, gilt als Begründer der Phänomenologie – einer der einflussreichsten philosophischen Bewegungen des 20. Jahrhunderts. Sein Programm richtet sich gegen den Psychologismus und gegen vorschnelle metaphysische Theorien gleichermaßen: Statt über die Dinge zu spekulieren oder das Erkennen auf bloße psychische Vorgänge zu reduzieren, sollen wir „zu den Sachen selbst“ zurückkehren und beschreiben, wie sie uns im Bewusstsein tatsächlich erscheinen. Sein Leitbegriff ist die Intentionalität: Bewusstsein ist immer Bewusstsein von etwas. Um die reine Struktur dieses Erscheinens freizulegen, entwickelt Husserl die Methode der Epoché – die „Einklammerung“ der natürlichen Annahme, dass die Welt einfach da ist. In seinem Spätwerk wendet er sich der „Lebenswelt“ zu, dem vorwissenschaftlichen Boden aller Erfahrung, und stellt die Frage nach der Krise der europäischen Wissenschaften. Husserl wurde zum Lehrer einer ganzen Generation – von Heidegger über Edith Stein bis zu Merleau-Ponty und Sartre.

Kernideen

  • 1.„Zu den Sachen selbst!“: Die Philosophie soll nicht von Theorien ausgehen, sondern von der genauen Beschreibung dessen, wie sich die Phänomene dem Bewusstsein unmittelbar geben.
  • 2.Intentionalität: Bewusstsein ist niemals leer, sondern stets „Bewusstsein von etwas“ – jeder Akt des Wahrnehmens, Denkens, Erinnerns ist auf einen Gegenstand gerichtet.
  • 3.Die Epoché (Einklammerung): Die Geltung der „natürlichen Einstellung“, dass die Welt an sich existiert, wird außer Kraft gesetzt, um das reine Erscheinen freizulegen.
  • 4.Die phänomenologische Reduktion: Der Rückgang von der faktischen Welt auf das reine Bewusstsein und seine Gegebenheitsweisen.
  • 5.Wesensschau (eidetische Reduktion): Über die freie Variation eines Beispiels in der Phantasie lässt sich das invariante Wesen (Eidos) eines Phänomens erfassen.
  • 6.Phänomenologie als „strenge Wissenschaft“: Husserl will die Philosophie auf ein unbezweifelbares, evident gegebenes Fundament stellen.
  • 7.Das transzendentale Ego: Das erlebende Bewusstsein als letzter Boden, in dem sich alle Gegenständlichkeit konstituiert.
  • 8.Die Lebenswelt: Der vorwissenschaftliche, anschauliche Erfahrungsboden, auf dem alle Wissenschaft erst aufruht und den sie zu vergessen droht.

Bezug zur Technikphilosophie

Husserls Spätwerk „Die Krisis der europäischen Wissenschaften“ enthält eine bis heute aktuelle Technikkritik: Mit Galilei beginnt eine Mathematisierung der Natur, die das anschauliche Erfahrungsleben – die Lebenswelt – durch ein „Ideenkleid“ aus Formeln und Modellen überzieht und schließlich vergisst, dass dieses Modell nur eine Methode war, nicht die Wirklichkeit selbst. Die Wissenschaft liefert immer mächtigere technische Mittel, hat aber „den Menschen gerade in entscheidenden Fragen nichts zu sagen“. Diese Diagnose – die Verwechslung des berechenbaren Modells mit der gelebten Welt – wirkt in jeder Debatte über Datafizierung, Quantifizierung und die Grenzen algorithmischer Welterfassung fort: Auch die feinste Modellierung bleibt auf den Sinnboden der Lebenswelt angewiesen, aus dem sie stammt.

Wahrheitsbegriff

Wahrheit ist für Husserl kein bloßes Übereinstimmen eines Satzes mit einer Tatsache, sondern wurzelt in der Evidenz – im originären Gegebensein einer Sache „selbst“. Ein Urteil ist wahr, wenn das Gemeinte sich in der Anschauung leibhaftig erfüllt, wenn also das nur leer Vorgestellte zur Deckung mit dem anschaulich Gegebenen kommt (Erfüllung der Intention). Wahrheit ist damit ein Geschehen der Selbstgebung der Sache, kein äußerliches Verhältnis. Zugleich verteidigt Husserl gegen jeden Psychologismus und Relativismus die ideale, vom Erkennen unabhängige Geltung logischer Wahrheiten: Der Satz vom Widerspruch gilt nicht, weil Menschen so denken, sondern an sich.

Subjekt & Objekt

Husserls Phänomenologie ist der Versuch, den neuzeitlichen Gegensatz von Subjekt und Objekt von seiner Wurzel her neu zu denken. An die Stelle zweier getrennter Sphären – eines inneren Bewusstseins hier, einer äußeren Welt dort – tritt die Korrelation von Akt und Gegenstand: Husserl spricht von Noesis (dem bewussten Akt) und Noema (dem im Akt gemeinten Gegenstand als solchem). Subjekt und Objekt sind keine fertigen Pole, die nachträglich in Beziehung treten, sondern stehen in einer unauflöslichen Sinnkorrelation. In der transzendentalen Wendung wird das reine Ego schließlich zum Ort, in dem sich alle Gegenständlichkeit als Sinn „konstituiert“ – ein Schritt, der ihm den Vorwurf eines neuen Idealismus eintrug und an dem sich Heidegger und Merleau-Ponty abarbeiteten.

Beitrag zur Wissenschaftstheorie

Husserl wollte die Philosophie zur „strengen Wissenschaft“ machen – nicht im Sinne der empirischen Naturwissenschaft, sondern durch ein evidenzbasiertes, voraussetzungsloses Beschreiben der Phänomene. Seine Wissenschaftskritik ist doppelt: Gegen den Psychologismus zeigt er in den „Logischen Untersuchungen“, dass logische und mathematische Wahrheiten nicht aus psychischen Gesetzen abgeleitet werden können, ohne in Relativismus zu enden. Und gegen den naturwissenschaftlichen Objektivismus zeigt die „Krisis“, dass alle exakten Wissenschaften auf der vorwissenschaftlichen Lebenswelt aufruhen, die sie methodisch ausblenden. Die Phänomenologie versteht sich damit als Fundamentalwissenschaft, die den vergessenen Sinnboden aller Wissenschaft wieder freilegt.

Logische Beweise & Argumente

Das Argument der Intentionalität – warum Bewusstsein nie ein bloßer Behälter ist

Husserl übernimmt von seinem Lehrer Franz Brentano den Gedanken, dass alles Psychische sich durch Gerichtetheit auszeichnet, und macht ihn zum Fundament der Phänomenologie.

  1. P1Jeder bewusste Akt – Wahrnehmen, Erinnern, Urteilen, Wünschen – ist auf einen Gegenstand gerichtet: Man nimmt etwas wahr, erinnert sich an etwas, wünscht sich etwas.
  2. P2Diese Gerichtetheit (Intentionalität) gehört zum Wesen des Bewusstseins selbst und nicht erst zu einer nachträglichen Beziehung zwischen einem isolierten Inneren und einem isolierten Äußeren.
  3. P3Folglich lässt sich Bewusstsein nicht als verschlossener Innenraum denken, der einer äußeren Welt erst gegenübertreten müsste; es ist immer schon „bei den Sachen“.
  4. Also ist Bewusstsein wesenhaft „Bewusstsein von etwas“ – und die Philosophie muss nicht das isolierte Subjekt mit einer Außenwelt vermitteln, sondern die Korrelation von Akt und Gegenstand selbst beschreiben.

Mit der Intentionalität unterläuft Husserl den cartesianischen Graben zwischen Innen und Außen, der die neuzeitliche Erkenntnistheorie beherrschte: Die Frage ist nicht mehr, wie ein eingeschlossener Geist überhaupt zur Welt gelange, sondern wie sich die Welt im Bewusstsein als Sinn konstituiert. Genau dieser Ansatz wurde für Heidegger, Sartre und Merleau-Ponty zum Ausgangspunkt – auch dort, wo sie Husserl später kritisch überschritten.

Hauptwerke

  • Logische Untersuchungen (1900/1901)

    Das Durchbruchswerk: scharfe Kritik des Psychologismus (der die Logik auf psychische Vorgänge reduziert) und erste Entfaltung einer phänomenologischen Theorie der Bedeutung und der Intentionalität. Der Aufbruch „zu den Sachen selbst“.

  • Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phänomenologischen Philosophie (1913)

    Die systematische Grundlegung der transzendentalen Phänomenologie: Einführung von Epoché, phänomenologischer Reduktion und der Lehre vom intentionalen Bewusstsein (Noesis und Noema).

  • Cartesianische Meditationen (1931)

    Anknüpfend an Descartes’ Suche nach einem unbezweifelbaren Fundament: Entfaltung des transzendentalen Ego und – im berühmten fünften Kapitel – das Problem der Intersubjektivität, der Erfahrung des Anderen.

  • Die Krisis der europäischen Wissenschaften und die transzendentale Phänomenologie (1936)

    Das Spätwerk: Diagnose einer Krise, in der die mathematisierte Naturwissenschaft ihren Sinnesboden, die Lebenswelt, vergessen hat. Hier wird der Begriff der „Lebenswelt“ zum Zentrum.

Zitate

Wir wollen auf die „Sachen selbst“ zurückgehen.

Logische Untersuchungen (1900/1901)

Jedes Bewusstsein ist Bewusstsein von etwas.

sinngemäß, Ideen zu einer reinen Phänomenologie (1913)

Die echte Wissenschaft kennt, soweit ihre wirkliche Lehre reicht, keine Tiefsinnigkeit. Tiefsinn ist eine Sache der Weisheit, begriffliche Deutlichkeit und Klarheit eine Sache der strengen Theorie.

Philosophie als strenge Wissenschaft (1911)

Aus dem Leben

Der Lehrer und sein Schüler

Husserls begabtester Schüler war Martin Heidegger, dem er seinen Freiburger Lehrstuhl als Nachfolger anvertraute und in dem er den Erben der Phänomenologie sah. Heidegger widmete ihm 1927 „Sein und Zeit“ – doch das Werk vollzog zugleich eine tiefe Abkehr von Husserls transzendentalem Programm. Bitter wurde es nach 1933: Heidegger trat der NSDAP bei, während Husserl als jüdischstämmiger Gelehrter unter den Nürnberger Gesetzen ausgegrenzt, von der Universität verdrängt und isoliert wurde. In der Neuauflage von „Sein und Zeit“ verschwand die Widmung an Husserl. Als Husserl 1938 starb, kondolierte Heidegger nicht. Husserls riesiges, in einer Geheimschrift (Gabelsberger-Stenographie) verfasstes Nachlasswerk – rund 40.000 Seiten – wurde 1938 von dem belgischen Franziskanerpater Herman Leo Van Breda heimlich aus Freiburg nach Löwen gerettet und so vor der Vernichtung durch die Nationalsozialisten bewahrt.

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