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Gegenwart · ca. 1950 – heute

Claude Lévi-Strauss

1908–2009

Der Begründer der strukturalen Anthropologie. Lévi-Strauss übertrug die Sprachwissenschaft Saussures auf die Kultur und zeigte: Hinter Mythen, Verwandtschaft und Küche wirken überall dieselben unbewussten Strukturen des menschlichen Geistes – ein Spiel binärer Oppositionen.

StrukturalismusPhilosophische AnthropologieMetaphysik
Binäre Oppositionen und das wilde Denken – Illustration

Bekanntestes Konzept

Binäre Oppositionen und das wilde Denken

Der menschliche Geist ordnet die Welt nicht in unendlich viele Einzeldinge, sondern in Gegensatzpaare: roh/gekocht, Natur/Kultur, Himmel/Erde, männlich/weiblich, hell/dunkel. Diese binären Oppositionen sind nach Lévi-Strauss die Grundbausteine allen Denkens – sie strukturieren Mythen wie Verwandtschaftssysteme. Mythen entstehen, weil eine Kultur einen unerträglichen Widerspruch (etwa: wir kommen aus der Erde, müssen aber sterben) durch immer neue Erzählungen zu vermitteln versucht. Das „wilde Denken“ (la pensée sauvage) ist dabei keine Vorstufe der Wissenschaft, sondern eine ebenbürtige, konkrete Logik: ein „Denken mit den Dingen“, das die Welt durch sinnliche Qualitäten klassifiziert, statt durch Begriffe.

Claude Lévi-Strauss war der einflussreichste Anthropologe des 20. Jahrhunderts und der Denker, der den Strukturalismus zur Leitmethode der Geisteswissenschaften machte. Seine entscheidende Idee: Was Ferdinand de Saussure für die Sprache zeigte – dass Bedeutung nicht in einzelnen Zeichen, sondern in deren Beziehungen und Unterschieden entsteht –, gilt für alle kulturellen Phänomene. Mythen, Heiratsregeln, Kochrezepte und Totemklassifikationen sind keine zufälligen Bräuche und kein „primitives“ Stammeln, sondern hochgeordnete Systeme, die nach einer Logik funktionieren, deren sich ihre Träger nicht bewusst sind. Gegen den Fortschrittsglauben seiner Zeit verteidigte Lévi-Strauss die Würde und intellektuelle Strenge des „wilden Denkens“: Der Geist des Jägers und der des Ingenieurs sind gleich alt und gleich logisch. Aus seiner Suche nach den universalen, unbewussten Strukturen, die allen Kulturen zugrunde liegen, wurde eine ganze Epoche des Denkens – von Barthes über Lacan bis zum frühen Foucault.

Kernideen

  • 1.Strukturalismus: Kulturelle Phänomene sind Systeme von Beziehungen; ihre Bedeutung liegt nicht in den Elementen selbst, sondern in den Unterschieden und Relationen zwischen ihnen (Übertragung von Saussures Methode auf die Kultur).
  • 2.Unbewusste Strukturen des Geistes: Allen Kulturen liegen dieselben universalen, unbewussten Ordnungsgesetze des menschlichen Geistes zugrunde – nicht die bewussten Absichten der Menschen erklären die Kultur, sondern die Struktur.
  • 3.Binäre Oppositionen: Der Geist denkt in Gegensatzpaaren (roh/gekocht, Natur/Kultur, Himmel/Erde); diese Paare und ihre Vermittlungen sind die Bauelemente von Mythos und Klassifikation.
  • 4.Verwandtschaft als Tauschsystem: Heiratsregeln organisieren den Tausch von Frauen zwischen Gruppen; das Inzesttabu ist die universale Regel, die den Übergang von der Natur zur Kultur markiert.
  • 5.Das wilde Denken (la pensée sauvage): Das Denken schriftloser Völker ist nicht „primitiv“, sondern eine konkrete, sinnliche Logik der Klassifikation – ebenso streng wie die Wissenschaft, nur an anderen Materialien.
  • 6.Bricolage: Der „Wilde“ ist ein Bastler (bricoleur), der mit den vorhandenen Zeichen und Resten der Tradition baut, während der Ingenieur (Wissenschaftler) sich seine Begriffe eigens herstellt.
  • 7.Mythenanalyse: Ein Mythos ist nicht durch seinen Inhalt zu verstehen, sondern durch die Struktur seiner Beziehungen; alle Varianten eines Mythos gehören zusammen und lösen gemeinsam einen kulturellen Grundwiderspruch.
  • 8.Antihumanismus und Dezentrierung des Subjekts: Nicht der Mensch „macht“ die Bedeutung – er wird von Strukturen gedacht; Ziel der Wissenschaft sei nicht, den Menschen zu konstituieren, sondern ihn „aufzulösen“.

Bezug zur Technikphilosophie

Lévi-Strauss’ Unterscheidung von bricoleur und Ingenieur ist zu einem Schlüsselbild der Technik- und Medientheorie geworden: Der Bastler arbeitet mit dem, was da ist – mit übrig gebliebenen Zeichen, Resten, vorgefundenen Werkzeugen –, während der Ingenieur sich seine Mittel zweckrational neu herstellt. Diese Figur prägt bis heute Debatten über Software-Entwicklung („bricolage programming“), Hacker-Kultur, Remix und das Tüfteln mit vorhandenen Bausteinen. Tiefer noch wirkt sein methodischer Grundgedanke in der digitalen Kultur: Dass Bedeutung aus binären Oppositionen und Relationen entsteht, nicht aus den Elementen selbst, ist strukturell verwandt mit der Logik der informationsverarbeitenden Maschine, die alles auf Differenzen von 0 und 1 zurückführt. Sein Versuch, die „Algebra“ der Mythen und Verwandtschaftssysteme formal zu modellieren (teils mit Hilfe von Mathematikern), gilt als früher Vorläufer einer berechnenden, formalisierenden Kulturwissenschaft.

Wahrheitsbegriff

Lévi-Strauss vertritt einen strukturalen Wahrheitsbegriff: Wahr ist nicht, was ein einzelnes kulturelles Element für sich „meint“, sondern das System der Relationen, das sich hinter den wechselnden Erscheinungen als invariant erweist. Die Wahrheit eines Mythos liegt nicht in seinem erzählten Inhalt und auch nicht in der Deutung seiner Träger, sondern in der formalen Struktur, die alle seine Varianten gemeinsam erzeugen. Wahrheit ist hier also weniger Übereinstimmung mit einer Tatsache (Korrespondenz) als die Aufdeckung einer verborgenen Ordnung – einer Grammatik des Geistes, die unter der bunten Vielfalt der Kulturen dieselbe bleibt. Damit verschiebt sich der Ort der Wahrheit vom bewussten Sinn zur unbewussten Struktur.

Subjekt & Objekt

Lévi-Strauss vollzieht eine radikale Dezentrierung des Subjekts. Nicht das bewusste, sinnstiftende Ich ist der Ursprung der Bedeutung, sondern die Struktur, die es immer schon vorfindet und die durch es hindurch spricht: „Die Mythen denken sich in den Menschen.“ Das Subjekt ist nicht Herr, sondern Schauplatz der Strukturen. In der berühmten Schlussauseinandersetzung mit Sartre kehrt er dessen Humanismus um: Ziel der Geisteswissenschaften sei nicht, „den Menschen zu konstituieren, sondern ihn aufzulösen“ – ihn als Objekt unbewusster Gesetzmäßigkeiten zu untersuchen, wie die Naturwissenschaft ihre Gegenstände. Damit wird der Mensch vom souveränen Subjekt zum erforschbaren Objekt einer Struktur, die ihm vorausgeht. Diese antihumanistische Wendung wurde zum Signal für den ganzen französischen Strukturalismus und Poststrukturalismus.

Beitrag zur Wissenschaftstheorie

Lévi-Strauss verstand die Anthropologie ausdrücklich als strenge Wissenschaft und nahm sich die strukturale Linguistik (Saussure, Jakobson, der Prager Kreis) zum methodischen Vorbild: So wie der Phonologe nicht einzelne Laute, sondern das System ihrer distinktiven Unterschiede untersucht, soll der Anthropologe nicht einzelne Bräuche, sondern das Beziehungssystem dahinter analysieren. Sein wissenschaftstheoretisches Programm ist der Vorrang der Struktur vor dem Element, der Relation vor der Substanz, des Unbewussten vor dem Bewussten. Wissenschaft heißt hier: hinter der Fülle der beobachtbaren Phänomene die kleine Zahl invarianter Gesetze und ihrer Transformationen freilegen. Zugleich relativierte er den westlichen Wissenschaftsbegriff selbst, indem er dem „wilden Denken“ eine eigene, ebenbürtige Rationalität zusprach – nicht eine Vorstufe, sondern eine andere Logik des Konkreten neben der Logik des Abstrakten.

Logische Beweise & Argumente

Das Argument der unbewussten Tiefenstruktur des Mythos

Lévi-Strauss begründet, warum Mythen trotz scheinbarer Beliebigkeit und unabhängiger Entstehung eine gemeinsame, dem Bewusstsein verborgene Logik haben müssen.

  1. P1Mythen entstehen weltweit unabhängig voneinander, sind im Detail frei erfunden und scheinen daher willkürlich – dennoch zeigen Mythen entfernter, nie in Kontakt stehender Kulturen auffällig dieselben Strukturen (gleiche Oppositionen, gleiche Vermittlungsfiguren).
  2. P2Wäre der Inhalt eines Mythos beliebig, wäre solche Übereinstimmung reiner Zufall – und je mehr unabhängige Kulturen dieselbe Struktur zeigen, desto unwahrscheinlicher wird der Zufall.
  3. P3Eine Regelmäßigkeit, die weder durch bewusste Absicht (die Erzähler kennen sie nicht) noch durch historische Entlehnung (die Kulturen hatten keinen Kontakt) erklärbar ist, muss ihren Grund in einer den Erzählern gemeinsamen, ihnen aber unbewussten Ursache haben.
  4. P4Das einzige, was allen Menschen gemeinsam und zugleich unbewusst wirksam ist, ist die Struktur des menschlichen Geistes selbst – sein Zwang, in binären Oppositionen zu denken und Widersprüche durch Vermittlung zu bearbeiten.
  5. Also sind Mythen nicht beliebig, sondern Ausdruck einer unbewussten Tiefenstruktur des Geistes: Sie sind logische Operationen, mit denen der Geist überall dieselben Grundwidersprüche (Natur/Kultur, Leben/Tod) zu vermitteln sucht.

Das Argument verschiebt die Erklärung vom bewussten Inhalt zur unbewussten Form – analog zur Linguistik, wo Sprecher korrekte Sätze bilden, ohne die Grammatikregeln zu kennen. Genau hier setzt die Kritik an: Welche Oppositionen man als „die“ Struktur eines Mythos liest, scheint nicht eindeutig festgelegt; Kritiker (etwa in der Debatte mit der Hermeneutik) warfen Lévi-Strauss vor, die Strukturen eher in den Stoff hineinzulesen, als sie zwingend aus ihm zu gewinnen.

Hauptwerke

  • Die elementaren Strukturen der Verwandtschaft (Les structures élémentaires de la parenté)(1949)

    Das große Frühwerk: Verwandtschaft wird als System des Frauentauschs zwischen Gruppen analysiert. Das Inzesttabu erscheint als die universale Schwelle, an der die Natur in die Kultur übergeht – die erste Regel überhaupt.

  • Traurige Tropen (Tristes Tropiques)(1955)

    Halb Reisebericht, halb philosophische Autobiografie über seine Feldforschung bei den Nambikwara und Bororo in Brasilien. Ein literarisches Meisterwerk und melancholische Reflexion über den Untergang der „kalten“ Gesellschaften unter dem Ansturm der westlichen Zivilisation.

  • Das wilde Denken (La pensée sauvage)(1962)

    Programmschrift des Strukturalismus: Verteidigung der konkreten Logik schriftloser Kulturen, Theorie von Bricolage, Totemismus und Klassifikation. Enthält die berühmte Schlusspolemik gegen Sartres geschichtsphilosophischen Humanismus.

  • Mythologica (Mythologiques, 4 Bände)(1964–1971)

    Das monumentale Spätwerk in vier Bänden („Das Rohe und das Gekochte“, „Vom Honig zur Asche“, „Der Ursprung der Tischsitten“, „Der nackte Mensch“). Die strukturale Analyse hunderter südamerikanischer Mythen, die zeigt, wie eine gemeinsame Logik der Sinne (roh/gekocht, frisch/verfault) sie miteinander verbindet.

Zitate

Wir glauben, einen Sinn zu erfinden, während wir nur einen Mythos variieren – die Mythen denken sich in den Menschen, ohne deren Wissen.

sinngemäß nach Das Rohe und das Gekochte (1964)

Die Welt hat ohne den Menschen begonnen, und sie wird ohne ihn enden.

Traurige Tropen (1955)

Das wilde Denken ist weder das Denken der Wilden noch das einer primitiven oder archaischen Menschheit, sondern das Denken im wilden Zustand.

Das wilde Denken (1962)

Aus dem Leben

Wie eine Stellenanzeige den Anthropologen erfand

Lévi-Strauss wollte ursprünglich gar nicht in die Ferne. Als junger Philosophielehrer in Frankreich erhielt er um 1934 einen Anruf, der ihm eine Professur an der neu gegründeten Universität von São Paulo in Brasilien anbot – mit dem verlockenden Zusatz, in den Vororten wohnten ja „die Indianer“. Das war ethnografisch naiver Unsinn, denn rund um São Paulo gab es längst keine indigenen Völker mehr; er musste tief ins Landesinnere, zu den Nambikwara und Bororo, reisen, um sie zu finden. Doch dieser fast zufällige Ruf machte aus dem gelangweilten Gymnasiallehrer den Feldforscher, dessen Erlebnisse später in „Traurige Tropen“ zum literarischen Mythos wurden. Bezeichnend begann er dieses Buch mit dem berühmten Satz: „Ich hasse das Reisen und die Forschungsreisenden.“

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