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J
Moderne · ca. 1800 – 1950

Johann Gottlieb Fichte

1762–1814

Der erste der drei großen Idealisten nach Kant. Fichte setzte an die Spitze aller Philosophie nicht ein Ding, sondern eine Tat: das absolute Ich, das sich selbst in einer ursprünglichen „Tathandlung“ setzt – und mit den „Reden an die deutsche Nation“ wurde er zur Stimme eines erwachenden Nationalbewusstseins.

Deutscher IdealismusMetaphysikEthik
Die Tathandlung des absoluten Ich – Illustration

Bekanntestes Konzept

Die Tathandlung – das absolute Ich, das sich selbst setzt

Am Anfang von Fichtes System steht kein Faktum, kein gegebenes Ding, sondern eine „Tathandlung“ (ein von Fichte geprägtes Wort): ein Tun, das zugleich seine eigene Tat ist. Das Ich existiert nicht zuerst und handelt dann – es bringt sich selbst hervor, indem es sich setzt: „Das Ich setzt ursprünglich schlechthin sein eigenes Sein.“ Damit ist nicht das einzelne empirische Ich gemeint, sondern das absolute, schöpferische Ich als Grund aller Erfahrung. Aus dieser ersten Selbstsetzung folgt notwendig die Setzung eines Nicht-Ich, einer Welt, an der das Ich sich stößt und an der allein es tätig sein kann. So wird aus einem einzigen Akt der Freiheit die ganze Wirklichkeit abgeleitet.

Johann Gottlieb Fichte ist der Denker, der Kants kritische Philosophie zu einem System der Freiheit radikalisierte. Während Kant ein unerkennbares „Ding an sich“ jenseits unseres Bewusstseins stehen ließ, strich Fichte diesen Rest und machte das tätige Ich zum einzigen Grund aller Wirklichkeit. Seine „Wissenschaftslehre“ (ab 1794) will die gesamte Erfahrung aus einem einzigen Prinzip ableiten – der schöpferischen Selbstsetzung des Ich. Philosophie ist für Fichte keine Sache toter Anschauung, sondern eines Entschlusses: „Was für eine Philosophie man wähle, hängt … davon ab, was man für ein Mensch ist.“ Aus der bescheidenen Herkunft eines Bandwebersohnes wurde er zum Professor in Jena und zum ersten gewählten Rektor der neuen Universität Berlin. In den Jahren der napoleonischen Besatzung hielt er in der besetzten Hauptstadt jene „Reden an die deutsche Nation“, mit denen er die sittliche und kulturelle Erneuerung eines gedemütigten Volkes beschwor.

Kernideen

  • 1.Das absolute Ich als oberstes Prinzip: Nicht ein Ding, sondern das tätige, sich selbst hervorbringende Ich ist der Grund aller Wirklichkeit und alles Wissens.
  • 2.Die Tathandlung: Der erste Grundsatz ist kein Sein, sondern ein Tun – „Das Ich setzt ursprünglich schlechthin sein eigenes Sein.“
  • 3.Ich und Nicht-Ich: Dem Ich wird notwendig ein Nicht-Ich entgegengesetzt; in der wechselseitigen Begrenzung von Ich und Nicht-Ich konstituiert sich Bewusstsein und Welt.
  • 4.Streichung des Dings an sich: Fichte beseitigt Kants unerkennbares Ding an sich – es gibt nichts hinter dem Bewusstsein, alle Realität ist Setzung des Ich.
  • 5.Philosophie der Freiheit: Das Ich ist nicht passiver Zuschauer, sondern Tat; die ganze Wirklichkeit ist Feld und Material seiner sittlichen Selbstverwirklichung.
  • 6.Primat der praktischen Vernunft: Theoretisches Erkennen steht im Dienst des Handelns – das Ich setzt sich das Nicht-Ich, um an ihm seine Bestimmung, seine sittliche Aufgabe, zu erfüllen.
  • 7.Anstoß und Aufforderung: Das endliche Ich erfährt einen „Anstoß“ und wird durch die „Aufforderung“ anderer Vernunftwesen zur Freiheit und zur Anerkennung erweckt – Grundlage seiner Rechtslehre.
  • 8.Nationale Erneuerung durch Bildung: In den „Reden an die deutsche Nation“ wird die sittliche Selbstbestimmung des Ich auf ein ganzes Volk übertragen – Erziehung soll eine erneuerte Nation hervorbringen.

Bezug zur Technikphilosophie

Fichtes Grundgedanke – dass das Subjekt seine Welt nicht bloß vorfindet, sondern tätig hervorbringt und durchgestaltet – liest sich heute wie eine Vorwegnahme der Frage nach dem schöpferischen, die Wirklichkeit setzenden Subjekt im technischen Zeitalter. Wo der Mensch seine Umwelt zunehmend selbst produziert, programmiert und konstruiert, bekommt Fichtes Bild vom Ich, das sich ein Nicht-Ich entgegensetzt, um an ihm tätig zu werden, eine fast prophetische Note: Die „äußere“ Welt erscheint als Material und Spiegel menschlicher Tätigkeit. Zugleich warnt Fichtes Ethik vor einer Verselbständigung dieses Machens ohne sittlichen Zweck: Das Setzen des Nicht-Ich ist bei ihm nie Selbstzweck, sondern dient stets der sittlichen Selbstverwirklichung des Ich – eine Mahnung an jede Technik, die zum bloßen Beherrschen der Welt zu werden droht.

Wahrheitsbegriff

Wahrheit ist für Fichte nicht die Übereinstimmung des Wissens mit einem unabhängig vorhandenen Ding – ein solches Ding an sich gibt es für ihn gar nicht. Wahrheit gründet vielmehr in der Selbstgewissheit und inneren Stimmigkeit des sich setzenden Ich: Wahr ist, was sich notwendig aus der ursprünglichen Tathandlung und ihren Bedingungen ergibt. Erkennen heißt darum nicht abbilden, sondern die eigene vernünftige Tätigkeit durchschauen. Berühmt ist Fichtes Wendung, die Wahl der Philosophie hänge davon ab, was man für ein Mensch sei: Die Entscheidung für den Idealismus – für das tätige Ich statt für das tote Ding – ist kein bloß theoretischer, sondern ein praktischer, ein Freiheitsakt. Wahrheit und sittliche Bestimmung des Menschen sind bei Fichte untrennbar.

Subjekt & Objekt

Kein Denker hat das Verhältnis von Subjekt und Objekt so radikal vom Subjekt her gedacht wie Fichte. Bei Kant standen sich erkennendes Subjekt und unerkennbares Ding an sich gegenüber; Fichte streicht das Ding an sich und macht das Objekt – das „Nicht-Ich“ – zu einer Setzung des Ich selbst. Das Subjekt ist nicht ein Pol neben dem Objekt, sondern dessen Ursprung: Indem das Ich sich setzt, setzt es sich notwendig ein Nicht-Ich entgegen, an dem es sich begrenzt und bestimmt. Subjekt und Objekt sind so keine zwei fertigen Dinge, sondern zwei Momente eines einzigen, sich selbst gliedernden Tuns. Gerade diese Unterordnung des Objekts unter die Tätigkeit des Ich wurde zum Angriffspunkt: Schelling vermisste die Eigenständigkeit der Natur, Hegel den Weg, wie aus dem Ich wirklich ein widerständiges Anderes hervorgehen kann.

Beitrag zur Wissenschaftstheorie

Fichtes Programm trägt den Namen „Wissenschaftslehre“ – die Lehre vom Wissen überhaupt, die Theorie aller Wissenschaft. Sie soll nicht eine Wissenschaft neben anderen sein, sondern deren gemeinsames Fundament: Aus einem einzigen unbedingten Grundsatz, der Selbstsetzung des Ich, will Fichte die Form und die Grundzüge alles möglichen Wissens systematisch ableiten. Wissen ist für ihn nicht Abbildung einer fertigen Welt, sondern Selbstentfaltung der Vernunft, die ihre eigenen Bedingungen durchschaut. Das macht ihn zu einem strengen Systemdenker: Philosophie hat erst dann Bestand, wenn sie als lückenlos begründeter Zusammenhang aus einem ersten Prinzip entwickelt ist. Diesen Anspruch auf ein einziges, selbsttätiges Fundament aller Wissenschaft übernehmen Schelling und Hegel – und verschieben ihn zugleich vom Ich auf das Absolute beziehungsweise den Geist.

Logische Beweise & Argumente

Die Tathandlung – warum das erste Prinzip ein Tun und kein Ding sein muss

Fichte sucht den unbedingten ersten Grundsatz aller Philosophie. Er zeigt, dass dieser nicht in irgendeinem vorgefundenen Sein liegen kann, sondern nur in einem Akt, der sich selbst hervorbringt – der Tathandlung des Ich.

  1. P1Ein System des Wissens braucht einen ersten, schlechthin unbedingten Grundsatz, der sich nicht weiter aus etwas anderem ableiten lässt.
  2. P2Jedes vorgefundene Sein – jedes „Ding“ – verweist auf einen Grund außer sich (warum ist es so und nicht anders?) und kann daher nicht das schlechthin Erste sein.
  3. P3Nur ein Tun, das zugleich sein eigenes Produkt ist, das also nichts voraussetzt als sich selbst, ist wahrhaft unbedingt: ein Setzen, das im Setzen das Gesetzte erst hervorbringt.
  4. P4Eben dies leistet das Ich im Akt des Selbstbewusstseins: Indem es sich denkt, bringt es sich als denkendes hervor – es ist nur, indem es sich setzt (Tathandlung).
  5. Also kann der erste Grundsatz aller Philosophie kein Sein, sondern nur eine Tat sein: „Das Ich setzt ursprünglich schlechthin sein eigenes Sein.“ Das absolute Ich ist nicht zuerst und handelt dann, sondern ist nur als sein eigenes Tun.

Mit diesem Schritt verwandelt Fichte die Metaphysik von einer Lehre vom Sein in eine Lehre von der Freiheit: An den Anfang tritt nicht Substanz, sondern Spontaneität. Das ist zugleich die radikale Konsequenz aus Kant – die Streichung des Dings an sich –, die Schelling und Hegel aufnehmen und kritisch fortführen werden. Der berühmte Einwand lautet, das absolute Ich drohe entweder in einen leeren Subjektivismus umzuschlagen oder müsse selbst das Nicht-Ich noch als bloßen „Anstoß“ voraussetzen, den es nicht ganz aus sich erzeugt.

Hauptwerke

  • Versuch einer Critik aller Offenbarung (1792)

    Fichtes anonym erschienenes Erstlingswerk, das zunächst für ein Werk Kants gehalten wurde. Als Kant den wahren Verfasser nannte, war Fichte mit einem Schlag berühmt.

  • Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre (1794/95)

    Das Hauptwerk der Jenaer Zeit: Entfaltung des Systems aus drei Grundsätzen – das Ich setzt sich; ihm wird ein Nicht-Ich entgegengesetzt; beide begrenzen sich wechselseitig. Der Versuch, alles Wissen aus der Selbsttätigkeit des Ich abzuleiten.

  • Grundlage des Naturrechts (1796) und Das System der Sittenlehre (1798)

    Die praktischen Ausarbeitungen: die Ableitung von Recht, Anerkennung und sittlicher Pflicht aus dem Begriff des freien, tätigen Ich.

  • Die Bestimmung des Menschen (1800)

    Eine allgemeinverständliche, eindringliche Darstellung in drei Stufen – Zweifel, Wissen, Glaube –, die die sittliche und religiöse Bestimmung des Menschen aus der Freiheit des Ich entwickelt.

  • Reden an die deutsche Nation (1808)

    Vierzehn im französisch besetzten Berlin gehaltene Reden, die zur geistigen, sittlichen und kulturellen Erneuerung des deutschen Volkes durch eine neue Nationalerziehung aufrufen. Eines der einflussreichsten – und folgenreichsten – Dokumente des frühen deutschen Nationalbewusstseins.

Zitate

Das Ich setzt ursprünglich schlechthin sein eigenes Sein.

Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre (1794)

Was für eine Philosophie man wähle, hängt … davon ab, was man für ein Mensch ist.

Erste Einleitung in die Wissenschaftslehre (1797)

Handeln! Handeln! das ist es, wozu wir da sind.

sinngemäß zugeschrieben, Die Bestimmung des Menschen (1800)

Aus dem Leben

Der Brief, der ein Leben wendete

Als armer Sohn eines Bandwebers wäre Fichte beinahe ohne Bildung geblieben – die Legende erzählt, ein Gutsherr habe als Junge eine Sonntagspredigt versäumt und der kleine Johann Gottlieb sie ihm Wort für Wort aus dem Gedächtnis wiederholt; der beeindruckte Herr ließ ihn fortan ausbilden. Den eigentlichen Durchbruch aber verdankte Fichte einer Verwechslung: Sein „Versuch einer Critik aller Offenbarung“ erschien 1792 ohne Namen und ohne Vorwort, und die gelehrte Welt hielt das Werk für eine lang erwartete Religionsschrift Immanuel Kants selbst. Als Kant öffentlich klarstellte, der wahre Verfasser sei ein unbekannter junger Mann namens Fichte, war dieser über Nacht berühmt – die Verwechslung mit dem größten Philosophen der Zeit machte ihn mit einem Schlag zu einer Hoffnung der deutschen Philosophie.

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