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A
Moderne · ca. 1800 – 1950

Auguste Comte

1798–1857

Der Begründer des Positivismus und Namensgeber der Soziologie. Comte verkündete das „Dreistadiengesetz“, nach dem sich der menschliche Geist vom theologischen über das metaphysische zum positiven, wissenschaftlichen Denken entwickelt – und nur noch das gelten lässt, was sich beobachten und gesetzmäßig erfassen lässt.

PositivismusWissenschaftstheorie
Das Dreistadiengesetz – theologisch, metaphysisch, positiv

Bekanntestes Konzept

Das Dreistadiengesetz (loi des trois états)

Comtes Grundgedanke: Jeder Zweig menschlichen Wissens und der menschliche Geist im Ganzen durchläuft notwendig drei Stadien. Im theologischen Stadium erklärt der Mensch die Welt durch übernatürliche Mächte und Götter. Im metaphysischen Stadium treten an deren Stelle abstrakte Wesenheiten und Kräfte („die Natur“, „das Wesen“, „die Substanz“). Im positiven Stadium schließlich verzichtet der Geist auf die Frage nach dem letzten „Warum“ und sucht nur noch nach den beobachtbaren Gesetzen, dem „Wie“ der Erscheinungen. Dieses Gesetz ist für Comte zugleich ein Entwicklungsgesetz der gesamten Menschheitsgeschichte.

Auguste Comte ist der Vater des Positivismus und der Schöpfer des Wortes „Soziologie“. In einer von Revolution und gesellschaftlicher Unordnung erschütterten Zeit suchte er nach einer neuen, sicheren Grundlage des Wissens und der sozialen Ordnung. Seine Antwort war radikal: Nur das „Positive“ – das tatsächlich Beobachtbare, in Gesetzen Fassbare – ist gültiges Wissen. Spekulationen über letzte Ursachen, über Gott oder das Wesen der Dinge, weist er als unwissenschaftliche Reste älterer Denkstufen zurück. In seinem „Cours de philosophie positive“ (1830–1842) ordnet er die Wissenschaften in einer Hierarchie an, die von der Mathematik bis zur jüngsten und komplexesten Disziplin reicht: der Wissenschaft von der Gesellschaft selbst, die er zunächst „soziale Physik“ und schließlich „Soziologie“ nannte. Comtes Denken prägte die moderne Wissenschaftstheorie, die empirische Sozialforschung und das Selbstverständnis des wissenschaftlichen Zeitalters tief – auch dort noch, wo man seine spätere „Religion der Menschheit“ als Verirrung belächelte.

Kernideen

  • 1.Positivismus: Gültiges Wissen ist allein das „Positive“ – das durch Beobachtung Feststellbare und in Gesetzen Erfassbare; alles andere ist leere Spekulation.
  • 2.Das Dreistadiengesetz: Der menschliche Geist durchläuft das theologische, das metaphysische und das positive Stadium des Denkens.
  • 3.Verzicht auf die Frage nach den letzten Ursachen und dem „Wesen“ der Dinge: Die positive Wissenschaft fragt nicht nach dem „Warum“, sondern nach dem gesetzmäßigen „Wie“ der Erscheinungen.
  • 4.Begründung der Soziologie: Comte prägte den Begriff „Soziologie“ und forderte eine eigene positive Wissenschaft von der Gesellschaft, zunächst „soziale Physik“ genannt.
  • 5.Hierarchie der Wissenschaften: Mathematik, Astronomie, Physik, Chemie, Biologie und schließlich Soziologie ordnen sich nach wachsender Komplexität und abnehmender Allgemeinheit.
  • 6.Unterscheidung von „sozialer Statik“ (Ordnung, Struktur der Gesellschaft) und „sozialer Dynamik“ (Fortschritt, Entwicklung).
  • 7.Das Wahlspruch-Programm „Ordnung und Fortschritt“ (Ordre et Progrès): Wissenschaftlich geleitete Reform soll die nachrevolutionäre Gesellschaft stabilisieren.
  • 8.Die spätere „Religion der Menschheit“ (Religion de l’Humanité): Comtes Versuch, dem positiven Zeitalter einen säkularen Kult mit der Menschheit (le Grand Être) als Verehrungsgegenstand zu geben.

Bezug zur Technikphilosophie

Comtes Devise „Wissen, um vorherzusehen; vorhersehen, um zu handeln“ formuliert das Grundverhältnis des wissenschaftlich-technischen Zeitalters: Erkenntnis von Gesetzen dient der Vorhersage, und Vorhersage erlaubt die planmäßige Beherrschung und Gestaltung der Wirklichkeit. Comte sah in der positiven Wissenschaft das Instrument, mit dem eine industrielle Gesellschaft rational organisiert und gesteuert werden könnte – ein Gedanke, der die spätere Technokratie und die Idee wissenschaftlich geleiteter Planung vorbereitete. Seine Verbindung von Beobachtung, Gesetz und Anwendung steht am Anfang jenes Selbstverständnisses, in dem moderne Technik als angewandte, vorhersagende Wissenschaft erscheint.

Wahrheitsbegriff

Comtes Wahrheitsbegriff ist streng positiv: Wahr ist nur, was sich auf beobachtbare Tatsachen und ihre gesetzmäßigen Beziehungen stützt. Die Frage nach den ersten Ursachen und dem letzten Wesen der Dinge erklärt er für sinnlos, weil sie sich der Beobachtung grundsätzlich entzieht – sie gehört dem theologischen und dem metaphysischen Stadium an. Wahrheit ist für Comte daher nicht die Übereinstimmung mit einem verborgenen Wesen der Welt, sondern die zuverlässige, gesetzmäßige Beschreibung der Erscheinungen, die Vorhersage ermöglicht. Damit wird der Anspruch der Erkenntnis bewusst bescheidener und zugleich praktischer: Es geht nicht um das absolute „Warum“, sondern um das verlässliche „Wie“.

Beitrag zur Wissenschaftstheorie

Comte ist einer der Begründer der modernen Wissenschaftstheorie. Sein Positivismus bestimmt Wissenschaft als die methodische Suche nach beobachtbaren Gesetzmäßigkeiten unter Verzicht auf metaphysische Letztbegründungen. Drei Leitgedanken sind zentral: erstens das Dreistadiengesetz als Entwicklungsmodell des Erkennens; zweitens die Hierarchie der Wissenschaften, die von der allgemeinsten und einfachsten (Mathematik) zur komplexesten und konkretesten (Soziologie) fortschreitet und in der jede Stufe die vorhergehende voraussetzt; drittens die Forderung, auch das Soziale zur exakten Wissenschaft zu erheben. Comtes Programm – Beobachtung, Gesetz, Vorhersage – wirkte über den Wiener Kreis und den logischen Empirismus bis in die Methodologie der empirischen Sozialwissenschaften fort, auch wenn diese seine geschichtsphilosophischen und religiösen Überbauten verwarfen.

Logische Beweise & Argumente

Warum die Soziologie eine eigene, positive Wissenschaft sein muss

Comte begründet die Notwendigkeit einer neuen Wissenschaft der Gesellschaft aus seinem Bild der geordneten Wissenschaftshierarchie und dem Fortschritt des positiven Geistes.

  1. P1Der menschliche Geist erreicht in jedem Wissensgebiet erst dann gesichertes Wissen, wenn er ins positive Stadium tritt und nach beobachtbaren Gesetzen statt nach übernatürlichen oder abstrakten Ursachen fragt.
  2. P2Die Wissenschaften ordnen sich nach wachsender Komplexität ihres Gegenstandes: Astronomie, Physik, Chemie und Biologie sind nacheinander positiv geworden; die Erscheinungen des Lebens sind komplexer als die unbelebte Natur.
  3. P3Die Erscheinungen des gesellschaftlichen Lebens sind die komplexesten von allen und bauen auf den biologischen auf, sind aber bislang noch dem theologischen und metaphysischen Denken überlassen.
  4. P4Was nach dem allgemeinen Gesetz des Geistes folgt, aber noch aussteht, muss vollendet werden, soll das Wissen vollständig sein.
  5. Also bedarf es einer neuen positiven Wissenschaft, welche die gesellschaftlichen Erscheinungen mit derselben Strenge auf Gesetze zurückführt wie die Physik die Bewegung – die Soziologie als Krönung der Wissenschaftshierarchie.

Das Argument macht die Soziologie nicht zu einer beliebigen Neugründung, sondern zum notwendigen Abschluss eines geschichtlichen Prozesses: So wie die Natur ihre Gesetze offenbart hat, soll auch die Gesellschaft ihre Gesetze preisgeben. Kritiker wandten ein, dass sich gesellschaftliches Handeln nicht ebenso gesetzmäßig fassen lässt wie Planetenbahnen; doch Comtes Programm, das Soziale empirisch und gesetzesorientiert zu untersuchen, wurde zur Geburtsstunde der modernen Soziologie.

Hauptwerke

  • Cours de philosophie positive (Lehrgang der positiven Philosophie, 1830–1842)

    Das sechsbändige Hauptwerk: Entfaltung des Dreistadiengesetzes, der Hierarchie der Wissenschaften und der Idee einer positiven Wissenschaft der Gesellschaft. Hier prägt Comte den Begriff „Soziologie“.

  • Discours sur l’esprit positif (Rede über den Geist des Positivismus, 1844)

    Eine konzentrierte, programmatische Darstellung des positiven Denkens und seiner Abgrenzung gegen das theologische und das metaphysische Stadium – eine der zugänglichsten Schriften Comtes.

  • Système de politique positive (System der positiven Politik, 1851–1854)

    Das vierbändige Spätwerk, in dem Comte den Positivismus zu einer umfassenden gesellschaftlichen und sittlichen Ordnung ausbaut und die „Religion der Menschheit“ begründet.

Zitate

Wissen, um vorherzusehen; vorhersehen, um zu handeln.

sinngemäß zugeschrieben, „Savoir pour prévoir, prévoir pour pouvoir“, Cours de philosophie positive

Jeder Zweig unserer Erkenntnis durchläuft nacheinander drei verschiedene theoretische Zustände: den theologischen, den metaphysischen und den positiven oder wissenschaftlichen.

Cours de philosophie positive (1830)

Die Toten regieren die Lebenden.

sinngemäß zugeschrieben, „Les morts gouvernent les vivants“, Système de politique positive

Aus dem Leben

Vom Mathematiklehrer zum Hohepriester der Menschheit

Comte begann als brillanter, aber schwieriger Schüler der École Polytechnique, arbeitete jahrelang als Sekretär und Mitstreiter des Sozialreformers Saint-Simon und bestritt seinen Lebensunterhalt zeitweise als Privatlehrer und Prüfer für Mathematik. Sein Leben war von schweren Krisen gezeichnet – einer psychischen Erkrankung, einer unglücklichen Ehe und großer materieller Not. Die späte, leidenschaftliche und kurze Bindung an Clotilde de Vaux, die früh starb, verklärte er zu einer fast heiligen Inspiration. In seinen letzten Jahren entwarf der nüchterne Theoretiker des Positivismus eine vollständige „Religion der Menschheit“ mit Kalender, Heiligen und Kultus und verstand sich selbst als deren Hohepriester – ein Spätwerk, das viele seiner wissenschaftlich gesinnten Anhänger befremdete und die zwiespältige Größe dieses Denkers bezeugt.

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