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Dogma & Kritik

Hat das Leben einen Sinn?

Hat das Dasein einen Sinn – oder müssen wir ihn selbst stiften?

Die Frage nach dem Sinn des Lebens wird erst dann zur Falle, wenn man bemerkt, dass sie zweideutig ist: Meint sie einen vorgegebenen Zweck, den das Dasein von außen empfängt – durch Gott, Natur oder Geschichte –, oder einen Wert, den wir ihm selbst verleihen? Solange ein verbindlicher Horizont galt, schien Sinn etwas, das man findet wie eine Wahrheit. Mit dessen Wegbrechen aber kehrt sich die Frage um: Was als gegeben galt, erscheint nun als gemacht – und ein selbstgemachter Sinn droht sogleich beliebig, ein bloßer Trost gegen die Leere zu werden. Genau hier liegt der Widerspruch: Ein gefundener Sinn wäre verbindlich, aber heute fraglich; ein gestifteter Sinn ist möglich, aber gerade in seiner Freiheit von Willkür bedroht.

Die maßgeblichen Positionen

Nihilismus und die Umwertung

Friedrich Nietzsche

Der höchste Sinn entwertet sich selbst – doch eben darin liegt die Aufgabe, neue Werte zu schaffen.

Nietzsche diagnostiziert mit dem Wort „Gott ist tot“ den Zusammenbruch des überlieferten, metaphysisch verbürgten Sinns und sieht darin den heraufziehenden Nihilismus, in dem die obersten Werte sich entwerten. Seine Antwort ist keine Verzweiflung, sondern die Forderung der Umwertung: Der Mensch soll Sinn schöpferisch selbst setzen statt ihn von oben zu empfangen. Die Überzeugungskraft liegt in der schonungslosen Diagnose; ihre Schwäche darin, dass eine selbstgesetzte Wertordnung den Verdacht der Willkür nie ganz abstreift.

Revolte gegen das Absurde

Albert Camus

Das Leben ist ohne gegebenen Sinn absurd – und genau dieses Absurde gilt es bejahend auszuhalten, nicht zu fliehen.

Camus bestimmt das Absurde als das Zerwürfnis zwischen dem menschlichen Verlangen nach Sinn und dem Schweigen der Welt, und verweigert sowohl den Selbstmord als auch den „philosophischen Selbstmord“ des Glaubenssprungs. Statt Sinn zu erfinden oder zu erflehen, hält die Revolte das Absurde wach und schöpft Würde aus dem hellsichtigen Trotz – „man muss sich Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen“. Überzeugend als Haltung der Redlichkeit, bleibt offen, ob bloßes Aushalten schon ein Leben trägt.

Der Sprung des Glaubens

Søren Kierkegaard

Sinn wird nicht bewiesen, sondern in einer leidenschaftlichen, riskierten Entscheidung des Glaubens ergriffen.

Kierkegaard sieht den Menschen vor die Wahl zwischen den Existenzstadien gestellt und bestimmt den höchsten, religiösen Schritt als einen Sprung, der die Sicherheit der Vernunft hinter sich lässt und sich auf das Verhältnis zu Gott einlässt. Sinn ist dann nicht gefunden wie ein Faktum noch frei erfunden, sondern in höchster Innerlichkeit gewagt. Stark in der Ernstnahme der Subjektivität; angreifbar, weil der Sprung sich jeder allgemeinen Rechtfertigung entzieht.

Pessimistische Verneinung

Arthur Schopenhauer

Hinter allem steht ein blinder, zielloser Wille – das Dasein hat keinen Sinn, nur dessen Verneinung erlöst.

Schopenhauer deutet die Welt als Erscheinung eines grundlosen, niemals gestillten Willens, weshalb das Leben zwischen Mangel und Langeweile pendelt und keinen immanenten Zweck kennt. Sinn entsteht nicht durch Stiftung, sondern allenfalls durch Verneinung des Willens – in ästhetischer Kontemplation, Mitleid und Askese. Konsequent in der Tiefe der Leidensanalyse, doch der Vorwurf bleibt, dass die völlige Verneinung selbst kaum lebbar ist.

Warum es offen bleibt

Die Frage bleibt strittig, weil jede Antwort die Beweislast nur verschiebt: Ein gefundener Sinn setzt einen verbindlichen Horizont voraus, dessen Geltung gerade fraglich geworden ist, während ein gestifteter Sinn die Last der Begründung dem Einzelnen aufbürdet und den Verdacht der Beliebigkeit nie ganz tilgt. Zudem lässt sich nicht entscheiden, ob das Bedürfnis nach Sinn auf etwas in der Welt antwortet oder ein bloßes Bedürfnis bleibt. So pendelt die Debatte unaufhörlich zwischen Entdecken und Erfinden – und vielleicht ist diese Unentscheidbarkeit selbst Teil der menschlichen Lage.

Lust, selbst zu streiten? Diskutier die Frage im Live-Gespräch mit einem der Denker.