Problem
Das Gettier-Problem
Was ist Wissen wirklich?
Seit Platon im „Theaitetos" das Wissen als wahre, durch einen Rechenschaftsbericht (logos) gestützte Meinung zu fassen suchte, galt die Trias aus Wahrheit, Überzeugung und Rechtfertigung als verlässliches Maß dessen, was Wissen sei. Edmund Gettier wies 1963 in einem knappen, dreiseitigen Aufsatz nach, dass diese drei Bedingungen sämtlich erfüllt sein können, ohne dass echtes Wissen vorläge. Der Trick seiner Gegenbeispiele besteht darin, dass eine Überzeugung aus einer guten, aber faktisch falschen Prämisse abgeleitet wird und nur durch einen glücklichen Zufall dennoch in eine Wahrheit mündet – die Rechtfertigung trifft das Wahre, ohne es zu berühren. Damit klafft ein Riss zwischen der Begründung und dem, was die Überzeugung wahr macht: Man hat recht, aber gleichsam am Gegenstand vorbei. Die Frage, was zur klassischen Trias hinzutreten muss, damit aus zufälliger Richtigkeit verbürgtes Wissen wird, ist seither offen.
Die maßgeblichen Positionen
Bedingung der Fehlerfreiheit (No-False-Lemmas)
Wissen liegt nur vor, wenn die Rechtfertigung auf keiner falschen Zwischenannahme beruht.
Gilbert Harman und Keith Lehrer schärften den frühen Vorschlag, eine Überzeugung gelte nur dann als Wissen, wenn sie sich nicht wesentlich aus einer falschen Prämisse ableitet. Das trifft Gettiers Originalfälle präzise, scheitert aber an verfeinerten Varianten – etwa dem Scheunenfassaden-Fall –, in denen gar kein falscher Zwischensatz im Spiel ist und die Überzeugung dennoch nur durch Zufall wahr bleibt.
Kausaltheorie des Wissens
Wissen verlangt eine kausale Verbindung zwischen der Tatsache und der Überzeugung von ihr.
Alvin Goldman forderte 1967, dass die gewusste Tatsache die Überzeugung auf angemessene Weise verursacht haben muss, sodass der bloße Zufall ausgeschlossen wird. Die Theorie erfasst empirisches Wahrnehmungswissen überzeugend, gerät jedoch bei mathematischem und allgemeinem Wissen in Not, wo abstrakte Wahrheiten keine kausale Wirkung auf den Erkennenden ausüben können.
Reliabilismus
Wissen ist wahre Überzeugung, die aus einem zuverlässig wahrheitsführenden Verfahren stammt.
Goldman entwickelte später den Reliabilismus, demzufolge eine Überzeugung dann Wissen ist, wenn sie durch einen Prozess entstand, der verlässlich Wahres hervorbringt, statt durch innere Rechtfertigung. Der Ansatz verlagert die Last vom Bewusstsein des Subjekts auf die objektive Verlässlichkeit der Methode, sieht sich aber dem Generalitätsproblem ausgesetzt: Wie eng oder weit der zuverlässige Prozess zu fassen ist, bleibt unbestimmt.
Wissen als Faktum sui generis
Wissen lässt sich nicht in Überzeugung plus Zusätze zerlegen, sondern ist ein eigenständiger Grundbegriff.
Timothy Williamson kehrte 2000 die Analyserichtung um und erklärte Wissen für unzerlegbar – nicht Überzeugung sei das Primäre, sondern das Wissen selbst der begrifflich erste, faktive Geisteszustand. Diese Wendung entzieht den Gettier-Fällen den Boden, indem sie die jahrtausendealte Definitionsaufgabe verwirft, zahlt dafür aber den Preis, jeden reduktiven Anspruch der Erkenntnistheorie aufzugeben.
Warum es offen bleibt
Jeder Reparaturversuch der klassischen Definition hat bislang neue Gegenbeispiele auf den Plan gerufen, sodass die Suche nach einer vierten Bedingung in einen Wettlauf zwischen Analyse und Gegenfall mündete. Zugleich ist umstritten, ob das Ziel selbst – eine vollständige, notwendige und hinreichende Zergliederung des Wissensbegriffs – überhaupt erreichbar ist oder ob Wissen, wie Williamson meint, schlicht nicht analysierbar bleibt. Damit steht nicht nur eine bestimmte Antwort, sondern die Methode der begrifflichen Analyse in der Erkenntnistheorie als Ganze zur Debatte.
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