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Problem

Das Problem der Fremdpsychen

Woher weiß ich, dass außer mir jemand wirklich denkt und fühlt?

Ich erlebe mein eigenes Bewusstsein von innen, mit zwingender Gewissheit: dass ich Schmerz empfinde oder Rot sehe, ist mir unmittelbar gegeben. Bei jedem anderen aber stoße ich auf eine prinzipielle Grenze – ich sehe nur Körper, höre nur Laute, beobachte nur Verhalten, niemals aber das Innere selbst, das diesem Verhalten zugrunde liegen soll. Der Schluss von der zuckenden Hand auf den gefühlten Schmerz, vom gesprochenen Wort auf den gemeinten Gedanken ist ein Analogieschluss, der sich auf einen einzigen Fall stützt: meinen eigenen. Genau hier öffnet sich die begriffliche Falle – denn ein perfekter Automat, der sich exakt so verhielte wie ein Fühlender, wäre von außen ununterscheidbar von ihm, und kein noch so genaues Beobachten könnte je entscheiden, ob hinter dem Verhalten ein Erleben aufleuchtet oder nur Leere herrscht. Das Andere bleibt strukturell verborgen, und die Selbstverständlichkeit, mit der wir einander Seelen zusprechen, verwandelt sich unter dem skeptischen Blick in eine unbeweisbare Unterstellung.

Die maßgeblichen Positionen

Methodischer Solipsismus und die Gewissheit des Cogito

René Descartes

Allein das eigene Denken ist unbezweifelbar gegeben; alles Äußere, auch der beseelte Andere, steht unter dem Verdacht bloßer Maschinerie.

Descartes treibt den Zweifel bis zum Punkt, an dem nur noch das eigene denkende Ich als unerschütterlich übrigbleibt, während er von vorbeigehenden Passanten anmerkt, er sehe streng genommen nur Hüte und Mäntel, die Automaten verbergen könnten. Seine strikte Trennung von ausgedehnter Körpermaschine und denkender Substanz erzeugt das Problem in seiner schärfsten Form, da das fremde Innere jenseits jedes körperlichen Befunds liegt. Überzeugend ist die Radikalität der Selbstgewissheit, doch eben sie verbaut den Weg zurück zum Anderen, dessen Geist nun durch eine unüberbrückbare Kluft abgeschnitten scheint.

Analogieschluss aus der Lebenserfahrung

John Stuart Mill

Ich erschließe fremdes Bewusstsein als die wahrscheinlichste Ursache eines Verhaltens, das in meinem eigenen Fall regelmäßig aus Empfindung entspringt.

Mill bietet die klassische Verteidigung des Analogieschlusses: Da bei mir auf bestimmte Reize Gefühle und auf Gefühle bestimmte Handlungen folgen, schließe ich bei anderen, die denselben äußeren Bau und dasselbe Verhalten zeigen, induktiv auf dasselbe innere Mittelglied. Die Position überzeugt durch ihre Nähe zur alltäglichen Plausibilität, scheitert aber am Einwand, eine Induktion vom einzigen eigenen Fall auf alle anderen sei methodisch zu schmal, um die Last des Beweises zu tragen.

Phänomenologie der Fremderfahrung

Edmund Husserl

Der Andere ist mir nicht erschlossen, sondern in einer eigentümlichen Mit-Vergegenwärtigung leiblich miterfahren, noch bevor ich überhaupt schließen könnte.

Husserl analysiert in der fünften Cartesianischen Meditation die Einfühlung als „appräsentative“ Leistung: Im fremden Leib erfahre ich den Anderen als ein anderes Ich-Zentrum mit, das ich nie original erlebe, aber dennoch unmittelbar als beseelt erfasse, nicht erst nachträglich erschließe. Die Stärke liegt darin, das Fremdpsychische in der Erfahrung selbst zu verankern statt in einem fragwürdigen Folgern; der Preis ist, dass die unaufhebbare „Nicht-Originalität“ des fremden Erlebens den skeptischen Stachel nicht ganz entfernt.

Grammatische Auflösung des Scheinproblems

Ludwig Wittgenstein

Die Frage entspringt einer sprachlichen Verwirrung: Seelenzustände sind keine verborgenen Privatgegenstände hinter dem Verhalten, sondern im Lebensvollzug öffentlich kriteriengebunden.

Wittgenstein bestreitet die Voraussetzung des Problems, dass „Schmerz“ einen je privat erlebten Gegenstand benenne, von dem ich beim Anderen abgeschnitten sei; sein Privatsprachenargument zeigt, dass Empfindungsbegriffe ihre Bedeutung an öffentlichen Kriterien gewinnen. „Der menschliche Körper ist das beste Bild der menschlichen Seele“, und am leidenden Menschen zweifle ich im Leben gerade nicht. Die Position löst das Problem auf, statt es zu beantworten, was viele als befreiend und ebenso viele als Ausweichen vor der echten metaphysischen Frage empfinden.

Warum es offen bleibt

Die Frage bleibt strittig, weil die beiden Hauptstrategien einander unterlaufen: Wer das fremde Erleben als verborgene innere Tatsache ernst nimmt, kann den skeptischen Schluss nie zwingend machen, und wer das Problem grammatisch oder phänomenologisch auflöst, muss sich vorwerfen lassen, die eigentliche Wirklichkeit des Bewusstseins wegzudefinieren. Im Hintergrund steht das ungelöste Härteproblem des Bewusstseins selbst – solange wir nicht wissen, wie und warum überhaupt Erleben entsteht, fehlt jedes Kriterium, an dem sich seine An- oder Abwesenheit im Anderen festmachen ließe. Gerade in der Debatte um philosophische Zombies und um die Bewusstseinsfähigkeit künstlicher Systeme kehrt die alte Unentscheidbarkeit mit neuer Dringlichkeit zurück.

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