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Antike · ca. 600 v. Chr. – 500 n. Chr.

Thales von Milet

ca. 624–546 v. Chr.

Der erste Philosoph des Abendlandes. Thales von Milet fragte als Erster nicht mehr, welche Götter die Welt regieren, sondern woraus alles besteht – und gab eine kühne Antwort: Wasser sei der Urgrund aller Dinge.

VorsokratikMetaphysik
Das Wasser als Urgrund aller Dinge – Illustration

Bekanntestes Konzept

Das Wasser als Urgrund (arché) aller Dinge

Thales suchte nach dem einen Stoff, aus dem alles besteht und aus dem alles hervorgeht – der arché. Seine Antwort lautete: das Wasser. Wahrscheinlich, weil alles Lebendige Feuchtigkeit braucht, weil Samen und Nahrung feucht sind und weil Wasser sich in feste, flüssige und dampfförmige Gestalt wandeln kann. Entscheidend ist nicht so sehr die Antwort, sondern die Frage selbst: dass sich die Vielfalt der Welt auf ein einziges, bleibendes Grundprinzip zurückführen lasse. Mit dieser Idee eines bleibenden Urstoffs hinter allem Wandel beginnt das philosophische Denken.

Thales von Milet gilt seit der Antike als der erste Philosoph überhaupt – Aristoteles nennt ihn den „Begründer dieser Art von Philosophie“. Mit ihm beginnt das, was wir Naturphilosophie nennen: der Versuch, die Welt nicht mehr durch Mythen und das Wirken einzelner Götter zu erklären, sondern aus einem einheitlichen, natürlichen Prinzip. Thales fragte nach dem Urgrund (arché), aus dem alles entsteht, in das alles vergeht und das in allem Wandel bestehen bleibt – und er fand ihn im Wasser. Damit vollzog er einen Schritt von ungeheurer Tragweite: weg vom Erzählen göttlicher Geschichten, hin zum begründenden Erklären aus einem natürlichen Stoff. Kein Schriftwerk von Thales ist erhalten; wir kennen ihn nur durch spätere Berichte, vor allem durch Aristoteles. Zugleich war er als einer der „Sieben Weisen“ Griechenlands berühmt – Mathematiker, Astronom und praktischer Ratgeber in einem.

Kernideen

  • 1.Die Frage nach der arché: Thales fragt als Erster nach dem einen Urgrund, aus dem alles entsteht und in den alles vergeht – das Grundproblem aller späteren Naturphilosophie.
  • 2.Wasser als Urstoff: Das Wasser ist der Ursprung und das bleibende Wesen aller Dinge, wahrscheinlich weil alles Leben an Feuchtigkeit gebunden ist.
  • 3.Einheit hinter der Vielfalt: Die bunte Vielfalt der Erscheinungen lässt sich auf ein einziges, beständiges Prinzip zurückführen.
  • 4.Beginn der Naturphilosophie: Welterklärung verlässt den Mythos und sucht natürliche Ursachen statt göttlicher Willkür – der Übergang vom Mythos zum Logos.
  • 5.„Alles ist voller Götter“: Die Welt ist von einem belebenden, göttlichen Prinzip durchdrungen; auch scheinbar Lebloses (wie der Magnetstein) birgt eine bewegende Kraft.
  • 6.Die Erde ruht auf dem Wasser: Thales erklärte die Lage der Erde durch ein natürliches Modell – sie schwimme wie ein Stück Holz auf dem Wasser.
  • 7.Verbindung von Theorie und Empirie: Astronomische Beobachtung (die zugeschriebene Vorhersage einer Sonnenfinsternis) und Geometrie verbinden sich mit der Suche nach Prinzipien.

Bezug zur Technikphilosophie

Thales war nicht nur Denker, sondern auch praktischer Ingenieur und Anwender seines Wissens. Herodot berichtet, er habe für das Heer des Königs Kroisos den Fluss Halys umgeleitet, indem er einen Graben zog, sodass das Wasser das Heer in zwei Armen umfloss. Astronomisch wird ihm die Vorhersage einer Sonnenfinsternis (traditionell auf 585 v. Chr. datiert) zugeschrieben – ein frühes Beispiel dafür, dass theoretisches Naturwissen praktisch nutzbare Voraussagen erlaubt. Und die berühmte Olivenpresse-Anekdote zeigt ihn als jemanden, der sein Wissen über Wetter und Ernte in wirtschaftlichen Vorteil umsetzen konnte. Bei Thales sind reine Theorie und ihre technisch-praktische Anwendung noch ungeschieden.

Wahrheitsbegriff

Mit Thales beginnt ein neuer Begriff von Wahrheit: Wahr ist nicht mehr, was die überlieferte Göttergeschichte erzählt, sondern was sich aus einem einheitlichen Prinzip begründen und an der beobachtbaren Natur ausweisen lässt. Wahrheit wird zur Sache der Einsicht und des Begründens, nicht der heiligen Tradition. Dass Thales’ konkrete Antwort – das Wasser – sich als falsch erwies, ändert nichts an dieser Wende: Erst dort, wo eine These offen begründet und damit auch widerlegbar wird, kann es überhaupt „falsch“ und „wahr“ im philosophischen Sinne geben. Thales eröffnet das Spielfeld, auf dem seine Nachfolger Anaximander und Anaximenes ihn sogleich kritisierten und überboten.

Beitrag zur Wissenschaftstheorie

Thales markiert den Beginn der wissenschaftlichen Welterklärung im engeren Sinne. Sein methodischer Bruch besteht darin, ein einziges, natürliches Erklärungsprinzip zu suchen, das die Vielfalt der Phänomene auf einen gemeinsamen Grund zurückführt – das Ideal der Reduktion auf wenige Prinzipien, das die Naturwissenschaft bis heute leitet. Ebenso wichtig: Seine Lehre war kritisierbar und wurde kritisiert. Schon sein Schüler Anaximander setzte an die Stelle des Wassers das „Unbegrenzte“ (apeiron), Anaximenes die Luft. Damit entsteht erstmals eine Forschungstradition, in der Thesen aufgestellt, geprüft und durch bessere ersetzt werden – die Keimzelle wissenschaftlichen Fortschritts.

Logische Beweise & Argumente

Warum Wasser der Urgrund ist – Thales’ Schluss vom Leben auf den Urstoff

Aristoteles rekonstruiert, aus welchen Beobachtungen Thales auf das Wasser als arché schloss. Es ist ein früher Versuch, eine umfassende These empirisch zu begründen.

  1. P1Es muss einen Urgrund (arché) geben – einen Stoff, aus dem alles entsteht, aus dem es besteht und in den es wieder vergeht.
  2. P2Alles Lebendige entsteht und erhält sich nur durch Feuchtigkeit: Samen, Nahrung und die Keime des Lebens sind feucht, und Wärme selbst scheint aus dem Feuchten zu kommen.
  3. P3Das Wasser kann alle Zustände annehmen – fest (Eis), flüssig und dampfförmig – und so die Vielfalt der Erscheinungen aus sich hervorbringen.
  4. Also ist das Wasser der Urgrund, aus dem alle Dinge hervorgehen und der ihr beständiges Wesen bildet.

Der Schluss ist nach heutigem Wissen falsch – aber das ist nicht das Entscheidende. Revolutionär ist die Form des Arguments: Thales begründet eine universelle These über die Natur aus beobachtbaren Tatsachen, nicht aus einem Mythos. Statt zu sagen „die Götter schufen die Welt“, fragt er nach einem natürlichen Stoff und stützt seine Antwort auf Beobachtung. Damit ist das Schema rationaler Welterklärung geboren, dem alle späteren Naturphilosophen – und letztlich die Wissenschaft – folgen werden.

Hauptwerke

  • Keine erhaltenen Schriften

    Von Thales ist kein Werk überliefert; vermutlich hat er nichts oder kaum etwas Schriftliches hinterlassen. Manche antike Quellen schreiben ihm Schriften „Über die Sonnenwende“ und „Über die Tagundnachtgleiche“ zu, deren Echtheit jedoch unsicher ist.

  • Die Lehre vom Wasser als arché (überliefert durch Aristoteles)

    Aristoteles berichtet in der „Metaphysik“ (1. Buch), Thales habe das Wasser zum Prinzip aller Dinge erklärt – die wichtigste Quelle für Thales’ Grundgedanken und der Beginn der abendländischen Philosophiegeschichtsschreibung.

  • Der „Satz des Thales“ (geometrische Überlieferung)

    Der Tradition nach geht auf Thales der Lehrsatz zurück, dass jeder Winkel im Halbkreis ein rechter Winkel ist. Ob er ihn bewies, ist unsicher, doch er gilt als einer der Begründer der griechischen Geometrie.

Zitate

Alles ist voller Götter.

Thales zugeschrieben; überliefert bei Aristoteles, Über die Seele (De anima)

Das Wasser ist der Ursprung aller Dinge.

sinngemäß zugeschrieben; überliefert bei Aristoteles, Metaphysik I

Das Schwerste ist, sich selbst zu erkennen; das Leichteste, einem anderen einen Rat zu geben.

Thales zugeschrieben; überliefert bei Diogenes Laertios

Aus dem Leben

Der Sterngucker im Brunnen – und die kluge Olivenernte

Zwei berühmte Geschichten zeichnen ein Doppelbild des Thales. Die erste, von Platon überliefert: Während Thales nach oben zu den Sternen blickte, fiel er in einen Brunnen – worauf eine witzige thrakische Magd spottete, er wolle die Dinge am Himmel erkennen und übersehe dabei, was vor seinen Füßen liege. So wurde Thales zur Urgestalt des weltfremden Denkers. Die zweite Geschichte, von Aristoteles berichtet, widerlegt diesen Spott: Man hatte Thales seine Armut vorgehalten, als sei Philosophie nutzlos. Da las er aus den Gestirnen eine reiche Olivenernte voraus, pachtete im Winter zu billigem Preis alle Ölpressen von Milet und Chios – und vermietete sie zur Erntezeit teuer weiter. So bewies er, dass Philosophen reich werden könnten, wenn sie nur wollten; ihr Streben gehe nur auf anderes.

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