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Mittelalter · ca. 500 – 1400

Maimonides

1138–1204

Der größte jüdische Denker des Mittelalters. In seinem „Führer der Unschlüssigen“ versuchte Maimonides das scheinbar Unvereinbare zu versöhnen: die geoffenbarte Tora und die Vernunft des Aristoteles – und entwarf eine radikale negative Theologie, die von Gott nur sagt, was er nicht ist.

Jüdische PhilosophieMetaphysik
Negative Theologie – die Erkenntnis Gottes durch Verneinung

Bekanntestes Konzept

Negative Theologie – Gott durch Verneinung erkennen

Maimonides’ kühnster Gedanke ist die Lehre von den negativen Attributen: Über Gott lässt sich kein einziger positiver Begriff wahrheitsgemäß aussagen. Sagen wir „Gott ist weise“, „Gott existiert“ oder „Gott ist mächtig“, so dürfen wir das Wort nicht im selben Sinn verwenden wie bei Menschen – sonst machten wir Gott zu einem Ding unter Dingen und verletzten seine absolute Einheit und Unkörperlichkeit. Wahre Gotteserkenntnis besteht daher nicht darin zu sagen, was Gott ist, sondern allein darin zu verneinen, was er nicht ist: nicht körperlich, nicht vielfältig, nicht begrenzt, nicht unwissend. Jede Verneinung führt den Geist Gott näher – und das tiefste Wissen mündet zuletzt ins Schweigen. „Das höchste Lob Gottes ist das Schweigen.“

Moses ben Maimon, im jüdischen Schrifttum nach seinen Initialen „Rambam“ genannt, gilt als der bedeutendste jüdische Philosoph und Gelehrte des Mittelalters – Arzt, Rechtskodifikator und Denker zugleich. Geboren in Córdoba im muslimisch geprägten al-Andalus, floh seine Familie vor der Verfolgung durch die Almohaden und ließ sich schließlich in Fustat (Alt-Kairo) nieder, wo Maimonides als Leibarzt am Hof des Sultans und als geistiges Oberhaupt der jüdischen Gemeinde wirkte. Sein Lebensthema war die Vereinbarkeit zweier Wahrheitsquellen, die einander zu widersprechen schienen: die Offenbarung der Tora und die Philosophie des Aristoteles, wie sie ihm durch die arabische Tradition (al-Fārābī, Avicenna) überliefert war. In seinem auf Arabisch verfassten Hauptwerk „Führer der Unschlüssigen“ (Dalālat al-ḥāʾirīn) wendet er sich an gerade jene Leser, die zugleich der Tora treu bleiben und der Vernunft folgen wollen und darüber in Verwirrung geraten sind. Seine Antwort ist ebenso kühn wie demütig: Wo Schrift und Vernunft sich zu widersprechen scheinen, ist die Schrift bildlich zu deuten – und über das Wesen Gottes selbst lässt sich überhaupt nichts Positives aussagen.

Kernideen

  • 1.Versöhnung von Tora und Aristoteles: Glaube und philosophische Vernunft stammen aus derselben göttlichen Quelle und können einander letztlich nicht widersprechen.
  • 2.Allegorische Schriftauslegung: Wo der Wortsinn der Bibel der bewiesenen Vernunft widerspricht (etwa anthropomorphe Bilder von Gott), ist der Text bildlich, nicht buchstäblich zu verstehen.
  • 3.Negative Theologie (Lehre der negativen Attribute): Von Gott lässt sich nichts Positives aussagen; wir erkennen ihn allein dadurch, dass wir verneinen, was er nicht ist.
  • 4.Absolute Einheit und Unkörperlichkeit Gottes: Gott ist vollkommen einfach, ohne Teile, ohne Körper, ohne jede Vielheit – die strenge Wahrung des Monotheismus ist Maimonides’ oberstes Anliegen.
  • 5.Die dreizehn Glaubensgrundsätze: Maimonides formulierte die bis heute im Judentum tradierten Grundprinzipien des Glaubens – darunter Gottes Einheit, Unkörperlichkeit und die Ankunft des Messias.
  • 6.Der goldene Mittelweg in der Ethik: In Anlehnung an Aristoteles ist die Tugend die rechte Mitte zwischen den Extremen, erreichbar durch Gewöhnung und maßvolles Handeln.
  • 7.Vorsehung und Intellekt: Göttliche Vorsehung trifft den Menschen in dem Maße, in dem er seinen Verstand vervollkommnet und sich Gott durch Erkenntnis nähert.
  • 8.Gründe der Gebote (taʿamei ha-mitzwot): Auch die Gesetze der Tora haben eine vernünftige, oft moralische oder erzieherische Begründung und sind keine bloß willkürlichen Vorschriften.

Wahrheitsbegriff

Maimonides geht von einer Doppelheit der Wahrheitsquellen aus – Offenbarung und Vernunft –, die er für letztlich einig hält: Da beide von Gott stammen, kann eine bewiesene philosophische Wahrheit der wahren Bedeutung der Tora nicht widersprechen. Scheinbare Konflikte lösen sich auf, sobald man erkennt, dass „die Tora in der Sprache der Menschen spricht“ und ihre bildhaften Aussagen über Gott allegorisch zu deuten sind. Im Bereich der Gotteserkenntnis aber stößt jeder positive Wahrheitsanspruch an eine Grenze: Über das Wesen Gottes ist keine wahre positive Aussage möglich, sondern nur die Wahrheit der Verneinung. Wahrheit über das Höchste ist bei Maimonides daher zugleich Wissen um die Grenzen des Wissens.

Subjekt & Objekt

Für Maimonides ist die Erkenntnis Gottes der einzige Fall, in dem das erkennende Subjekt sein „Objekt“ niemals positiv zu fassen bekommt. Gott ist kein Gegenstand unter Gegenständen, der sich begrifflich umgrenzen ließe; jeder Versuch, ihn als Objekt zu bestimmen, vergegenständlicht und vermenschlicht das Unfassbare. Zugleich gilt: Je mehr der Mensch seinen Intellekt vervollkommnet, desto enger wird seine Verbindung zum göttlichen Grund – Erkenntnis ist hier nicht distanzierte Beherrschung eines Objekts, sondern Annäherung und Läuterung des Subjekts selbst. Die höchste Stufe ist nicht der Begriff, sondern das ehrfürchtige Schweigen vor dem, was alle Subjekt-Objekt-Begriffe übersteigt.

Beitrag zur Wissenschaftstheorie

Maimonides verfährt streng rationalistisch und unterscheidet sorgfältig zwischen dem, was demonstrativ – also durch zwingenden Beweis nach Art des Aristoteles – feststeht, und dem, was bloß wahrscheinlich oder dialektisch ist. Diese Unterscheidung wird zum Schlüssel seiner Schriftauslegung: Nur wo die Vernunft etwas wirklich bewiesen hat, ist der wörtliche Schriftsinn zugunsten der allegorischen Deutung aufzugeben; wo dagegen kein Beweis vorliegt – etwa in der Frage, ob die Welt ewig ist oder geschaffen –, bleibt Raum, der Tradition zu folgen. So macht er die Beweisbarkeit zum Maßstab, an dem sich das Verhältnis von Glaube und Wissen bemisst, und mahnt zur intellektuellen Redlichkeit, nichts für bewiesen zu halten, was es nicht ist.

Logische Beweise & Argumente

Warum von Gott nur negative Aussagen wahr sein können

Maimonides begründet seine negative Theologie nicht durch fromme Scheu, sondern durch ein striktes Argument aus der absoluten Einheit Gottes. Jedes positive Attribut, so zeigt er, würde diese Einheit zerstören.

  1. P1Gott ist vollkommen einfach und absolut eins – ohne Teile, ohne Zusammensetzung und ohne jede Vielheit in seinem Wesen.
  2. P2Ein positives Attribut (etwa „weise“ oder „mächtig“) würde dem Wesen Gottes entweder etwas hinzufügen oder es als zusammengesetzt aus Träger und Eigenschaft beschreiben.
  3. P3Beides – ein Hinzugefügtes wie eine Zusammensetzung – widerspricht der absoluten Einheit und Einfachheit Gottes.
  4. P4Verwendete man dieselben Begriffe für Gott und für Geschöpfe im selben Sinn, so machte man Gott den endlichen Dingen ähnlich und verletzte seine Unkörperlichkeit und Einzigkeit.
  5. Also kann kein positives Attribut Gott wahrheitsgemäß zugeschrieben werden; wahre Aussagen über ihn können nur Verneinungen sein – Aussagen darüber, was Gott nicht ist.

Mit diesem Argument rettet Maimonides die Reinheit des Monotheismus vor jeder Vermenschlichung Gottes: Wer Gott Eigenschaften wie einem Menschen zuschreibt, verfehlt ihn. Spätere Denker wie Thomas von Aquin nahmen die Herausforderung an, hielten aber – mit der Lehre von der Analogie des Seins – an einer eingeschränkt positiven Gotteserkenntnis fest; gerade im Kontrast dazu wird Maimonides’ Radikalität sichtbar.

Hauptwerke

  • Führer der Unschlüssigen (Dalālat al-ḥāʾirīn / More Nevochim, um 1190)

    Das philosophische Hauptwerk, ursprünglich auf Arabisch verfasst und an einen verwirrten Schüler gerichtet: die große Vermittlung zwischen Tora und Aristoteles, Heimat der negativen Theologie, der Lehre von der Schöpfung, der Prophetie und der Gründe der Gebote.

  • Mischne Tora (1170–1180)

    Die monumentale, vierzehnbändige Kodifikation des gesamten jüdischen Religionsgesetzes (Halacha) in klarem hebräischem Stil – das erste systematisch geordnete Gesetzeswerk dieser Art und bis heute ein Grundpfeiler der rabbinischen Tradition.

  • Kommentar zur Mischna (um 1168)

    Ein früher arabischer Kommentar zum gesamten Mischna-Text; in seiner Einleitung zum Traktat Sanhedrin formulierte Maimonides die berühmten dreizehn Glaubensgrundsätze des Judentums.

  • Brief in den Jemen (Iggeret Teman, um 1172)

    Ein Trostschreiben an die bedrängte jüdische Gemeinde des Jemen in Zeiten von Verfolgung und falscher messianischer Hoffnung – Zeugnis von Maimonides’ Rolle als geistige Autorität weit über Ägypten hinaus.

Zitate

Wisse, dass es zwischen unserer Erkenntnis und der Erkenntnis Gottes nichts Gemeinsames gibt als den bloßen Namen; in Wahrheit aber besteht keinerlei Ähnlichkeit zwischen beiden.

sinngemäß nach Führer der Unschlüssigen, Teil I

Das höchste Lob, das man Gott darbringen kann, ist das Schweigen.

sinngemäß nach Führer der Unschlüssigen über die negativen Attribute

Die Tora spricht in der Sprache der Menschen.

Grundsatz der allegorischen Auslegung, Führer der Unschlüssigen

Aus dem Leben

Der Arzt, der keine Zeit zum Ausruhen fand

In einem berühmten Brief an seinen Übersetzer Samuel ibn Tibbon schildert Maimonides seinen Tagesablauf als Leibarzt am Hof von Kairo: Frühmorgens reitet er zum Palast, behandelt den erkrankten Sultan und dessen Familie, kehrt erst spät und ausgehungert zurück – und findet dann sein Haus voller wartender Patienten, Juden wie Nichtjuden, die ihn bis in die Nacht in Anspruch nehmen. Er sei oft so erschöpft, dass er sich kaum noch aufrecht halten könne und nur liegend Auskunft geben könne. Dass dieser überlastete Arzt nebenbei das gesamte jüdische Gesetz kodifizierte und mit dem „Führer der Unschlüssigen“ eines der tiefsten philosophischen Werke des Mittelalters schrieb, macht das Ausmaß seiner Schaffenskraft umso erstaunlicher. Sein Grabspruch fasst die Verehrung der Nachwelt zusammen: „Von Mose bis Mose stand keiner auf wie Mose.“

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