Zum Inhalt springen
thauma.
← Zurück zur Übersicht
G
Neuzeit & Aufklärung · ca. 1600 – 1800

George Berkeley

1685–1753

Der irische Bischof, der die Materie abschaffte. Mit dem berühmten Satz „esse est percipi“ – Sein ist Wahrgenommenwerden – erklärte Berkeley, dass nichts existiert außer Geistern und ihren Ideen. Die Welt der Körper besteht nur, insofern sie wahrgenommen wird.

EmpirismusMetaphysikErkenntnistheorie
Esse est percipi – Sein ist Wahrgenommenwerden, Illustration

Bekanntestes Konzept

Esse est percipi – Sein ist Wahrgenommenwerden

Berkeleys Grundgedanke ist von verblüffender Einfachheit: Alles, was wir von einem Apfel wissen – seine Röte, seine Rundung, sein süßer Geschmack, seine Glätte –, sind Wahrnehmungen in unserem Geist. Streichen wir gedanklich alle wahrnehmbaren Qualitäten weg, bleibt nichts übrig. Es gibt also keinen Grund, hinter den Ideen noch eine „Materie“ anzunehmen, die niemand je wahrnimmt. Für sinnliche Dinge bedeutet existieren nichts anderes, als wahrgenommen zu werden: „esse est percipi“. Was niemand wahrnimmt, hört nicht auf zu sein, weil Gott als der allgegenwärtige Geist alle Dinge fortwährend wahrnimmt und so ihre stetige Existenz verbürgt.

George Berkeley, anglikanischer Bischof von Cloyne und einer der drei großen britischen Empiristen zwischen Locke und Hume, zog aus dem empiristischen Grundsatz, alle Erkenntnis stamme aus der Wahrnehmung, eine radikale Konsequenz: Wenn wir von den Dingen immer nur ihre Sinnesqualitäten – Farben, Töne, Gerüche, Tastempfindungen – kennen, mit welchem Recht nehmen wir dann hinter diesen Wahrnehmungen noch eine unwahrnehmbare „Materie“ an? Berkeley antwortet: mit keinem. Es gibt keine geistunabhängige Substanz. Zu sein heißt, wahrgenommen zu werden („esse est percipi“) – oder selbst wahrzunehmen. Diese Lehre, der Immaterialismus oder subjektive Idealismus, wirkt zunächst absurd, ist aber mit großer logischer Strenge durchgeführt und schwer zu widerlegen. Berkeley verstand sie nicht als skeptisches Spiel, sondern als Verteidigung des gesunden Menschenverstands und des Glaubens gegen den drohenden Materialismus und Atheismus seiner Zeit.

Kernideen

  • 1.Esse est percipi: Das Sein sinnlicher Dinge besteht in ihrem Wahrgenommenwerden – ein Ding ist nichts als die Summe der Ideen, als die es erscheint.
  • 2.Immaterialismus: Es gibt keine materielle Substanz, keine geistunabhängige „Materie“ hinter den Wahrnehmungen; der Begriff einer unwahrnehmbaren Materie ist leer und widersprüchlich.
  • 3.Subjektiver Idealismus: Was existiert, sind allein Geister (wahrnehmende Substanzen) und ihre Ideen (das Wahrgenommene) – nichts Drittes.
  • 4.Kritik an der Unterscheidung von primären und sekundären Qualitäten (gegen Locke): Auch Ausdehnung, Gestalt und Bewegung sind nur im Geist; sie lassen sich von Farbe und Geschmack nicht trennen.
  • 5.Gegen die abstrakten Ideen: Wir können uns kein „Dreieck überhaupt“ ohne jede bestimmte Gestalt vorstellen; Berkeley bestreitet die Existenz solcher abstrakten Allgemeinvorstellungen.
  • 6.Gott als ständig wahrnehmender Geist: Die Ordnung, Beständigkeit und Unabhängigkeit der Erfahrung von unserem Willen beweist einen unendlichen Geist, der die Ideen in uns hervorruft.
  • 7.Die Naturgesetze als „Sprache Gottes“: Die regelhafte Verknüpfung der Ideen ist keine kausale Einwirkung von Körpern, sondern eine von Gott gesetzte Zeichenordnung, die wir lesen lernen.
  • 8.Verteidigung des common sense: Der Immaterialismus leugnet nicht die Wirklichkeit der Dinge, sondern nur die philosophische Erfindung einer nie wahrnehmbaren Materie.

Bezug zur Technikphilosophie

Berkeleys Immaterialismus erlebt in der Gegenwart eine unerwartete Aktualität. Seine Grundfrage – ob die wahrgenommene Welt mehr ist als eine geordnete Folge von Sinnesdaten in einem Geist – kehrt in der Debatte um Virtual Reality und die „Simulationshypothese“ wieder: In einer perfekten Simulation gäbe es ebenfalls keine „Materie“ hinter den Erscheinungen, sondern nur konsistent erzeugte Wahrnehmungen. Berkeleys Gott, der die Ideen nach festen Regeln in uns hervorruft und ihre Ordnung verbürgt, ähnelt strukturell dem Rechner, der eine kohärente Erfahrungswelt rendert. Auch in der Diskussion um den Status virtueller Objekte und um die Frage, was ein „Ding“ ist, das nur als Datenstruktur und Bildschirmwahrnehmung existiert, liefert Berkeleys „esse est percipi“ ein überraschend treffendes Begriffsmodell.

Wahrheitsbegriff

Für Berkeley liegt Wahrheit nicht in der Übereinstimmung von Ideen mit einer dahinterliegenden materiellen Wirklichkeit – die es nicht gibt –, sondern in der Ordnung und Verknüpfung der Ideen selbst. Wirkliche Dinge unterscheiden sich von bloßen Einbildungen und Träumen durch ihre Lebhaftigkeit, ihre Beständigkeit, ihre Unabhängigkeit von unserem Willen und ihre regelhafte Verbindung untereinander. Diese Regelhaftigkeit ist die „Sprache Gottes“: Die Naturgesetze sind keine kausalen Kräfte zwischen Körpern, sondern verlässliche Zeichenfolgen, an denen wir künftige Wahrnehmungen ablesen. Wahrheit ist somit nicht Abbildung, sondern korrekte Lesart der göttlichen Zeichenordnung – ein erfahrungsleitendes, zeichenhaftes Wahrheitsverständnis statt eines materiellen Abbildverhältnisses.

Subjekt & Objekt

Berkeleys Idealismus ist die radikalste Antwort der frühen Neuzeit auf das Subjekt-Objekt-Problem: Er hebt die Kluft auf, indem er das Objekt ganz auf die Seite des Subjekts zieht. Es gibt keine an sich seienden Gegenstände, die das erkennende Subjekt nur unzureichend abbildet; das Objekt ist nichts anderes als die Idee im wahrnehmenden Geist. Damit verschwindet das skeptische Problem, ob unsere Vorstellungen den Dingen „draußen“ entsprechen, denn es gibt kein Draußen jenseits der Wahrnehmung. Allerdings bleibt das Subjekt – der Geist, die wahrnehmende Substanz – bei Berkeley selbst keine Idee, sondern eine aktive, nur durch „Begriff“ (notion), nicht durch Wahrnehmung erfasste Realität. So löst er die Objektwelt im Subjekt auf, rettet aber das Subjekt selbst und vor allem den göttlichen Geist als letzten Grund aller Erfahrung.

Beitrag zur Wissenschaftstheorie

Berkeley antizipiert in erstaunlicher Weise instrumentalistische und antirealistische Positionen der modernen Wissenschaftstheorie. Naturgesetze beschreiben für ihn keine verborgenen materiellen Kräfte, sondern fassen die regelmäßigen Folgen unserer Wahrnehmungen zusammen und erlauben Vorhersagen – sie sind Werkzeuge zur Ordnung der Erfahrung, nicht Abbilder einer kausalen Mechanik. In seiner Schrift „De Motu“ (1721) kritisiert er Newtons Begriffe des absoluten Raumes, der absoluten Zeit und der Gravitation als okkulte Kräfte, sofern man sie als reale, wahrnehmungsunabhängige Wesenheiten versteht; sie seien nützliche mathematische Hypothesen, nicht physikalische Realitäten. Diese Trennung von beschreibender Brauchbarkeit und metaphysischer Existenz macht Berkeley zu einem frühen Vorläufer von Ernst Mach und des wissenschaftlichen Instrumentalismus.

Logische Beweise & Argumente

Das Argument gegen die Materie – warum es keine geistunabhängige Substanz geben kann

Berkeley führt den Empirismus konsequent zu Ende: Wenn alle Erkenntnis aus Wahrnehmung stammt, kann nichts erkannt werden, was prinzipiell nicht wahrgenommen werden kann – und genau das soll die Materie sein.

  1. P1Wir nehmen von den sinnlichen Dingen ausschließlich Sinnesqualitäten wahr – Farben, Töne, Gerüche, Geschmäcke, Tastempfindungen –, und diese sind unbestreitbar Ideen im Geist.
  2. P2Auch die sogenannten primären Qualitäten (Ausdehnung, Gestalt, Bewegung) sind ohne sekundäre Qualitäten gar nicht vorstellbar und treten nur als Wahrgenommenes auf; sie sind also ebenfalls nur Ideen im Geist.
  3. P3Eine „Materie“ wäre demnach eine Substanz, die selbst keine wahrnehmbare Qualität besitzt und niemals wahrgenommen werden kann – ein Träger ohne jede erfahrbare Bestimmung.
  4. P4Von etwas prinzipiell Unwahrnehmbarem können wir aber keine Idee, keinen sinnvollen Begriff bilden; der Ausdruck „materielle Substanz“ bezeichnet daher nichts und ist sogar widersprüchlich (eine nicht wahrgenommene Idee).
  5. Also existiert keine materielle Substanz. Was existiert, sind allein wahrnehmende Geister und die in ihnen vorhandenen Ideen; das Sein der sinnlichen Dinge ist ihr Wahrgenommenwerden.

Berkeley dreht den Materialismus mit seinen eigenen empiristischen Waffen um: Gerade weil wir nichts kennen als Wahrnehmungen, wird die „Materie“ zum überflüssigen, sogar leeren Begriff. Der Einwand, ein unbeobachteter Baum im Wald höre dann auf zu existieren, beantwortet Berkeley mit Gott: Der unendliche Geist nimmt alle Dinge beständig wahr und sichert so ihre Kontinuität. Samuel Johnsons berühmter Fußtritt gegen einen Stein („I refute it thus“) verfehlt das Argument – dass der Fuß Widerstand spürt, ist selbst nur eine Tastwahrnehmung und widerlegt den Immaterialismus gerade nicht.

Hauptwerke

  • Versuch über eine neue Theorie des Sehens (An Essay towards a New Theory of Vision, 1709)

    Berkeleys erste große Schrift: eine Analyse der visuellen Wahrnehmung, die zeigt, dass wir Entfernung, Größe und Lage nicht unmittelbar sehen, sondern durch erlernte Verknüpfung von Seh- und Tasterfahrungen erschließen. Wegbereiter seines Idealismus.

  • Eine Abhandlung über die Prinzipien der menschlichen Erkenntnis (A Treatise concerning the Principles of Human Knowledge, 1710)

    Das systematische Hauptwerk: Hier entwickelt Berkeley den Immaterialismus, das Prinzip „esse est percipi“, die Kritik an abstrakten Ideen und an der materiellen Substanz sowie den Gottesbeweis aus der Ordnung der Wahrnehmungen.

  • Drei Dialoge zwischen Hylas und Philonous (Three Dialogues between Hylas and Philonous, 1713)

    Die elegante, populäre Darstellung seiner Lehre in Gesprächsform: Der Materialist Hylas wird vom idealistischen Philonous Schritt für Schritt zur Einsicht geführt, dass die Annahme der Materie unhaltbar ist. Ein Meisterwerk philosophischer Dialogkunst.

  • Alciphron (1732)

    Eine ausgedehnte Verteidigung des christlichen Glaubens gegen die „Freidenker“ (free-thinkers), in der Berkeley auch seine Zeichentheorie der Sprache und der Naturgesetze weiter ausführt.

Zitate

Ihr Sein ist ihr Wahrgenommenwerden – esse est percipi; und es ist nicht möglich, dass sie irgendeine Existenz haben sollten außerhalb der Geister oder denkenden Dinge, die sie wahrnehmen.

Abhandlung über die Prinzipien der menschlichen Erkenntnis (1710), § 3

Es ist in der Tat eine weitverbreitete Meinung, dass Häuser, Berge, Flüsse, kurz alle sinnlichen Dinge, eine natürliche, vom Verstand unabhängige Existenz besitzen.

Abhandlung über die Prinzipien der menschlichen Erkenntnis (1710), § 4

Die Materie ist, sobald man sie genau prüft, der bloße Begriff von Sein im Allgemeinen, verbunden mit der relativen Vorstellung, ein Träger der Akzidenzien zu sein.

Drei Dialoge zwischen Hylas und Philonous (1713)

Aus dem Leben

Johnsons Fußtritt und Berkeleys ferne Universität

Als jemand dem Schriftsteller Samuel Johnson sagte, Berkeleys Immaterialismus sei nicht zu widerlegen, trat dieser mit aller Kraft gegen einen großen Stein, bis sein Fuß zurückprallte, und rief: „Ich widerlege ihn so!“ – ein berühmter, aber philosophisch verfehlter Einwand, denn der gespürte Widerstand ist selbst nur eine Wahrnehmung und trifft Berkeleys These gerade nicht. Berkeley selbst war kein weltfremder Grübler: Jahrelang plante er, auf den Bermudas ein College zur Ausbildung von Missionaren und der Bevölkerung Amerikas zu gründen, reiste nach Rhode Island und wartete dort vergeblich auf die versprochenen Gelder des britischen Parlaments. Das Projekt scheiterte, doch sein Name lebt fort: Die kalifornische Universitätsstadt Berkeley – und mit ihr die ganze Universität – ist nach dem Bischof benannt, angeregt durch seine Zeile „Westward the course of empire takes its way“.

Verwandte Denker