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Problem

Was ist Zeit?

Ist die Zeit etwas Wirkliches - oder eine Form unseres Erlebens?

Nichts ist uns vertrauter und nichts entzieht sich uns hartnäckiger. Augustinus hat die Falle in einen Satz gegossen, den die Philosophie nicht mehr losgeworden ist: Solange niemand fragt, weiß er, was die Zeit sei; sobald er es erklären solle, wisse er es nicht mehr. Denn das Paradox sitzt im Begriff selbst. Wir sprechen von der Zeit, als wäre sie eine Strecke, die da draußen verläuft - und doch besteht sie aus einem Vergangenen, das nicht mehr ist, einem Künftigen, das noch nicht ist, und einer Gegenwart, die, hätte sie Ausdehnung, sogleich in Nicht-mehr und Noch-nicht zerfiele. Was wir messen, scheint im selben Augenblick zu verschwinden, in dem wir das Maß anlegen. Hier öffnet sich das Dilemma: Ist die Zeit ein Zug der Welt, der auch ohne uns abliefe - oder gehört sie auf die Seite des Geistes, ist sie Form unseres Anschauens, Erstreckung der Seele, gelebte Dauer? McTaggart hat die Schärfe später formalisiert: Eine A-Reihe ordnet die Ereignisse nach Vergangen, Gegenwärtig, Künftig - nach einem fließenden Jetzt; eine B-Reihe nur nach Früher und Später - einem starren Vorher-Nachher ohne Werden. Ob die Zeit überhaupt verfließt oder ob das Fließen unsere Zutat ist, das ist die Frage, die unter der vertrauten Oberfläche lauert.

Die maßgeblichen Positionen

Zeit als Erstreckung der Seele

Augustinus von Hippo

Die Zeit ist keine Sache der Welt, sondern eine distentio animi - eine Dehnung der Seele, in der allein Vergangenes, Gegenwärtiges und Künftiges sich überhaupt versammeln lassen.

Im elften Buch der Confessiones zerlegt Augustinus die naive Rede von den drei Zeiten und findet, daß streng genommen nur eine Gegenwart existiert - aber dreifach gebrochen: als Gegenwart des Vergangenen in der Erinnerung, als Gegenwart des Gegenwärtigen im Anschauen, als Gegenwart des Künftigen in der Erwartung. Gemessen wird mithin nicht die Zeit selbst, die im Vergehen entgleitet, sondern der Eindruck, den die vorübergehenden Dinge in der Seele zurücklassen; die Zeit ist eine Erstreckung, und zwar vermutlich des Geistes selbst. Das ist von verstörender Tiefe, weil es das Messen ins Innere verlegt und die Zeit an das erinnernde, erwartende Bewußtsein bindet. Doch genau hier setzt der Einwand an: Wenn die Zeit ganz in der Seele liegt, wie kann sie dann die Bewegung der Gestirne ordnen, die offenbar abliefen, ehe ein Bewußtsein sie maß - und wie messen mehrere Seelen dieselbe Stunde?

Zeit als reine Anschauungsform a priori

Immanuel Kant

Die Zeit ist kein Ding an sich und keine Eigenschaft der Dinge, sondern die reine Form unserer inneren Anschauung - die Bedingung, unter der uns überhaupt etwas erscheinen kann.

Kant entzieht in der transzendentalen Ästhetik den Streit dem Entweder-Oder von außen und innen. Die Zeit, sagt er, ist weder ein für sich bestehender Gegenstand noch eine den Dingen anhaftende Bestimmung, sondern eine Anschauungsform a priori, die wir nicht aus der Erfahrung schöpfen, weil jede Erfahrung sie schon voraussetzt. Sie ist empirisch real - für alle Gegenstände, die uns je gegeben werden können, gilt sie unausweichlich - und zugleich transzendental ideal: nimmt man das anschauende Subjekt fort, so ist auch die Zeit nichts. Die Stärke liegt in der Erklärung, warum mathematische Sätze über die Zeit notwendig und allgemein gelten, ohne aus der Erfahrung zu stammen. Der Preis aber ist hoch: Die Dinge an sich bleiben uns zeitlos verschlossen, und wer fragt, ob das Universum auch ohne jeden Anschauenden eine Geschichte hätte, erhält von Kant keine Auskunft, sondern den Hinweis, daß die Frage die Grenze möglicher Erkenntnis überschreitet.

Gelebte Dauer gegen verräumlichte Zeit

Henri Bergson

Die wirkliche Zeit ist die durée - eine unteilbare, qualitative Strömung des Erlebens, die von der in gleiche Einheiten zersägten Zeit der Wissenschaft gerade verfehlt wird.

Bergson klagt die Wissenschaft an, sie habe die Zeit verräumlicht: Indem sie die Dauer auf eine Linie projiziert und in homogene, vertauschbare Einheiten zerlegt, verwandelt sie ein lebendiges Strömen in ein Nebeneinander von Punkten - und tötet eben das, was Zeit ausmacht. Die wahre Zeit, die durée, erleben wir von innen als ein Ineinanderfließen von Zuständen, in dem keine Phase der anderen gleicht und das Vergangene unteilbar ins Gegenwärtige hineinwächst; sie läßt sich nicht zählen, nur dauern. Das hat enorme Kraft gegen jede Reduktion des Erlebens auf Uhr und Zahl und rettet die schöpferische Neuheit der Zeit. Doch der Preis ist eine tiefe Kluft zur Physik: Als Einstein der gelebten Dauer die relativistische Zeit der Uhren entgegenhielt, blieb offen, ob Bergsons innere Zeit überhaupt noch von derselben Sache spricht - oder ob er, das Erleben verteidigend, die Wirklichkeit der physikalischen Zeit zu rasch dem bloßen Schein zuschlägt.

Warum es offen bleibt

Die Frage bleibt strittig, weil jede Antwort ihren Preis hat und keine das Ganze deckt. Verlegt man die Zeit ganz ins Bewußtsein - als Erstreckung der Seele, als Anschauungsform, als gelebte Dauer -, so gewinnt man die unbestreitbare Evidenz des Erlebens, riskiert aber, die Geschichte des Kosmos vor allem Bewußtsein zur Sinnlosigkeit zu erklären. Macht man die Zeit umgekehrt zu einem Zug der Welt selbst, so droht zu entgleiten, was uns an ihr das Wesentliche scheint: das strömende Jetzt, das Werden, der Unterschied von Vergangen und Künftig - all das, was McTaggarts A-Reihe meint und was die nackte Früher-Später-Ordnung der Physik gerade nicht enthält. Zwischen einer Welt ohne Jetzt und einem Jetzt ohne Welt verläuft die Bruchlinie. Daß wir die Zeit messen können und sie dennoch nicht zu fassen bekommen, daß sie objektiv vergeht und doch nur erlebt gegenwärtig ist - diese Spannung löst sich nicht auf. Sie ist vielleicht der Ort, an dem wir am deutlichsten spüren, daß wir selbst zeitliche Wesen sind, die über die Zeit nicht von außen verfügen.

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