Problem
Sein und Sollen
Folgt aus dem, was ist, was sein soll?
Zwischen der Beschreibung dessen, was der Fall ist, und der Forderung dessen, was sein soll, klafft eine Lücke, die sich nicht durch bloße Beobachtung schließen lässt. Wer noch so genau erforscht, wie Menschen handeln, welche Triebe sie bewegen oder welche Folgen eine Tat zeitigt, hat damit noch nicht gezeigt, dass irgendetwas davon geboten oder verboten wäre – die Prämissen bleiben Indikativ, der Schluss aber will im Imperativ enden. Die Schwierigkeit ist nicht psychologischer, sondern logischer Natur: In einem gültigen Schluss kann der Konklusion nichts stecken, was nicht schon in den Prämissen liegt, und ein „soll“ liegt in keinem noch so reichen „ist“. Zugleich aber scheint unser moralisches Leben unausgesetzt von Tatsachen zu zehren – das Leiden eines Wesens, das Versprechen, die Verletzlichkeit des Anderen drängen sich als Gründe auf. So steht die Frage zwischen zwei Selbstverständlichkeiten eingeklemmt: dass Werte nicht vom Himmel fallen und doch nicht aus Tatsachen zu pressen sind.
Die maßgeblichen Positionen
Humes Gesetz – die Kluft
David Hume →Aus rein deskriptiven Sätzen folgt logisch niemals ein normativer; das „Sollen“ entspringt nicht der Vernunft, sondern dem Gefühl.
Hume beobachtet im „Treatise“, dass Moralschriftsteller unvermerkt vom „ist“ und „ist nicht“ zum „soll“ und „soll nicht“ übergehen, ohne diesen Sprung je zu rechtfertigen. Da die Vernunft nur Tatsachen und Relationen erkennt, müsse die Quelle der Billigung im moralischen Gefühl liegen, nicht in der Beschaffenheit der Dinge. Die Schärfe der Diagnose überzeugt bis heute; ihr Preis ist, dass die Moral ihren Anspruch auf objektive Verbindlichkeit zu verlieren droht.
Der naturalistische Fehlschluss
Wer das Gute mit einer natürlichen Eigenschaft – etwa dem Lustvollen oder dem Begehrten – gleichsetzt, begeht einen begrifflichen Fehler.
G. E. Moore richtete den Vorwurf des „naturalistischen Fehlschlusses“ eigens gegen Mills Versuch im „Utilitarianism“, aus der Tatsache, dass etwas begehrt wird, abzuleiten, dass es begehrenswert sei. Mill hält gleichwohl daran fest, dass das einzige Zeugnis für die Wünschbarkeit eines Dinges sei, dass Menschen es tatsächlich wünschen – ein Brückenschlag vom Faktum zum Wert. Die Position besticht durch ihre empirische Bodenhaftung, doch Moores „Offene-Frage-Argument“ zeigt, dass die Frage „Aber ist das Begehrte auch gut?“ stets sinnvoll bleibt und die Gleichsetzung damit scheitert.
Autonomie der praktischen Vernunft
Immanuel Kant →Das Sollen entspringt nicht der Natur, sondern der reinen praktischen Vernunft, die sich selbst das Gesetz gibt.
Kant löst die Kluft nicht durch Überbrückung, sondern durch Verlagerung: Der kategorische Imperativ gründet nicht in irgendeiner Tatsache der Welt, sondern in der Form vernünftigen Wollens überhaupt, die jeder Neigung und Erfahrung vorausliegt. Damit ist das „Sollen“ gerettet, ohne aus einem „Sein“ abgeleitet zu sein – seine Würde besteht gerade in seiner Unabhängigkeit vom Faktischen. Der Einwand bleibt, ob ein gänzlich von der Natur abgekoppeltes Gesetz noch Bezug zum wirklichen, leibhaften Menschen behält.
Warum es offen bleibt
Die Frage bleibt strittig, weil beide Lager unaufgebbare Intuitionen wahren: Wer die Kluft leugnet, muss erklären, wie aus bloßen Tatsachen Verbindlichkeit erwächst, ohne den logischen Sprung zu verschleiern; wer sie behauptet, muss erklären, warum Tatsachen wie fremdes Leid uns dennoch unabweisbar als Gründe erscheinen. Neuere Ansätze – von der Sprechakttheorie bis zu „dichten“ ethischen Begriffen wie „grausam“ oder „mutig“, die Beschreibung und Wertung untrennbar verschränken – suchen die Trennung zu unterlaufen, ohne sie je restlos einzuebnen. So bleibt offen, ob Humes Schnitt ein ewiges Gesetz der Logik oder bloß ein Artefakt einer zu engen Vorstellung von Tatsachen ist.
Denker, die an dieser Frage rangen
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