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Problem

Das Induktionsproblem

Dürfen wir vom Bisherigen aufs Künftige schließen?

Aus der Tatsache, dass die Sonne bisher ausnahmslos aufging, folgt mit logischer Notwendigkeit nichts über morgen – denn kein Widerspruch entsteht, wenn man behauptet, sie werde es nicht tun. David Hume legte die Falle offen: Jeder Schluss vom Beobachteten aufs Unbeobachtete setzt voraus, dass die Natur gleichförmig bleibt, doch eben dieses Prinzip lässt sich weder logisch beweisen (es ist nicht widerspruchsfrei verneinbar) noch aus Erfahrung gewinnen, ohne sich im Kreis zu drehen – denn jede Berufung auf die bisherige Verlässlichkeit der Induktion setzt schon voraus, was sie begründen soll. Damit ruht die gesamte Erfahrungswissenschaft, von der Physik bis zur Medizin, nicht auf Beweis, sondern auf einer Gewohnheit des Erwartens, die Hume zwar psychologisch erklärt, aber nicht rechtfertigt. Die Schwierigkeit ist keine Marotte des Skeptikers: Sie trifft den Anspruch jeder Prognose, mehr zu sein als ein bloßer Reflex.

Die maßgeblichen Positionen

Skeptische Diagnose: Gewohnheit statt Vernunft

David Hume

Der Induktionsschluss ist rational unbegründbar – wir verallgemeinern nicht, weil wir es dürfen, sondern weil Gewohnheit uns dazu zwingt.

Hume zeigt im „Treatise“ und in der „Enquiry“, dass weder Demonstration noch Erfahrung das Gleichförmigkeitsprinzip stützen können, und führt die Erwartung künftiger Ereignisse auf „custom or habit“ zurück – eine natürliche Assoziation, keine Einsicht. Das überzeugt durch seine unerbittliche Schärfe, lässt die Wissenschaft aber ohne rationales Fundament zurück und endet in einem Skeptizismus, den Hume selbst nur durch die Macht der Natur, nicht durch Argument überwindet.

Falsifikationismus

Karl Popper

Wissenschaft induziert überhaupt nicht – sie stellt kühne Vermutungen auf und schreitet allein durch deren Widerlegung voran.

Popper akzeptiert Humes Kritik vollständig und zieht den Schluss, dass Theorien niemals verifiziert, sondern nur falsifiziert werden können; rational ist nicht das Bestätigen, sondern das Ausmerzen des Falschen durch „conjectures and refutations“. Das löst das logische Problem elegant auf, doch es bleibt strittig, ob bewährte Theorien wirklich keinen Vertrauensvorschuss für die Anwendung genießen – denn auch praktisches Handeln verlangt eine Wahl zwischen noch nicht widerlegten Hypothesen, die Popper rein logisch nicht begründen kann.

Historisch-paradigmatische Wendung

Thomas S. Kuhn

Ob ein Schluss aufs Künftige gilt, entscheidet keine zeitlose Logik, sondern das jeweils herrschende Paradigma der Forschergemeinschaft.

Kuhn verschiebt in „Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen“ die Frage von der Rechtfertigung einzelner Schlüsse auf die geteilten Vorbilder und Standards, innerhalb derer Wissenschaftler normal forschen, bis Anomalien eine Revolution erzwingen. Das erklärt überzeugend, wie Forschung faktisch verläuft, droht aber den Geltungsanspruch in bloße Konsensgeschichte aufzulösen und beantwortet Humes normative Frage – ob wir schließen dürfen – gerade nicht, sondern ersetzt sie durch eine soziologische.

Naturalistische Auflösung

Willard Van Orman Quine

Die Frage nach der Rechtfertigung der Induktion ist müßig – man soll sie der Wissenschaft selbst überlassen, die unsere Erkenntnis empirisch untersucht.

Quine schlägt in „Epistemology Naturalized“ vor, die vergebliche Suche nach einem vorwissenschaftlichen Fundament aufzugeben und Erkenntnistheorie als Kapitel der Psychologie zu betreiben: Wie der Mensch von „meager input“ zu seinem reichen Weltbild gelangt, ist eine empirische Tatsache, kein zu lösendes Beweisproblem. Das umgeht Humes Zirkel pragmatisch, wird aber dem Vorwurf ausgesetzt, die normative Frage – warum unsere Schlüsse gut sind – zugunsten der bloß deskriptiven preiszugeben und damit den Skeptiker nicht zu widerlegen, sondern zu ignorieren.

Warum es offen bleibt

Humes Zirkel ist nie zerschnitten worden: Jeder Versuch, die Induktion zu rechtfertigen, muss entweder ihre Verlässlichkeit schon voraussetzen oder die Frage in eine andere – logische, historische, naturalistische – verschieben, die das ursprüngliche „Dürfen“ unbeantwortet lässt. Poppers Verzicht auf Bestätigung rettet die Logik, nicht aber die Praxis, die ohne ein begründetes Vertrauen ins Bewährte nicht auskommt; und naturalistische wie pragmatische Antworten erkaufen ihre Ruhe damit, dass sie die normative Frage stillstellen, statt sie zu beantworten. So bleibt das Problem ein Stachel: Es zeigt, dass unsere sicherste Wissensform auf einem Schritt beruht, den wir täglich tun und nie beweisen können.

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