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Dogma & Kritik

Gibt es Fortschritt?

Bewegt sich die Geschichte auf etwas Besseres zu?

Die Frage nach dem Fortschritt ist eine Falle, weil sie sich als Beobachtung tarnt und in Wahrheit ein Bekenntnis ist. Wer fragt, ob die Geschichte sich auf etwas Besseres zubewege, hat bereits unterstellt, dass es ein Besseres gebe, an dem man messen könne, und eine Richtung, in der zu gehen wäre - er hat die Zeit zur Linie begradigt, an deren fernem Ende ein Ziel leuchtet. Das ist der erste Schlingertritt: Fortschritt ist kein Befund, sondern eine Form, in der wir das Chaos der Ereignisse überhaupt erst als Geschichte lesbar machen. Und sofort steht der zweite bereit. Denn jeder Maßstab, an dem wir das Bessere ablesen - Vernunft, Recht, Freiheit, Wohlstand -, ist selbst ein Ergebnis derselben Geschichte, die er beurteilen soll; das Gericht sitzt im Saal, über den es richtet. So oszilliert der Begriff zwischen Trost und Verdacht. Er kann das Versprechen sein, das den Opfern nachträglich einen Sinn leiht, und im selben Atemzug die Ideologie der Sieger, die jeden Schutthaufen zur Stufe einer Treppe erklärt. Die Frage bleibt offen, weil wir den Fortschritt weder beweisen noch loswerden können, ohne ihn schon vorauszusetzen.

Die maßgeblichen Positionen

Fortschritt der Gattung zum Rechtszustand

Immanuel Kant

Die Geschichte der Menschheit verläuft, wider den Anschein des Unsinns, auf die volle Entfaltung der Vernunftanlagen und eine weltbürgerlich-rechtliche Verfassung zu.

In der „Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht“ liest Kant das blutige Durcheinander der Völker nicht als Sinnlosigkeit, sondern als verdeckten Plan der Natur: Gerade die „ungesellige Geselligkeit“, der Antagonismus der Kräfte, treibt die Gattung zur Ausbildung ihrer Anlagen und zuletzt zu einer rechtlichen Ordnung im Innern wie zwischen den Staaten. Der Fortschritt gilt dabei nicht dem einzelnen Menschen, sondern der Gattung, und Kant weiß, woraus sie geschnitzt ist: „Aus so krummem Holze, als woraus der Mensch gemacht ist, kann nichts ganz Gerades gezimmert werden.“ Das gibt seiner Hoffnung ihren nüchternen Adel - sie ist regulative Idee, kein gesichertes Wissen, ein Leitfaden für das Auge, nicht ein Versprechen der Tatsachen. Ihre Grenze ist eben diese Unbeweisbarkeit: Wer den verborgenen Naturzweck schon kennen muss, um die Greuel als Durchgangsstadium zu deuten, hat die These vorausgesetzt, die er belegen wollte.

Fortschritt im Bewußtsein der Freiheit

Georg Wilhelm Friedrich Hegel

Die Weltgeschichte ist der Fortschritt im Bewußtsein der Freiheit, den die List der Vernunft noch durch die Leidenschaften der Handelnden hindurch vollstreckt.

Hegel macht aus Kants Hoffnung ein System: Die Weltgeschichte ist „der Fortschritt im Bewußtsein der Freiheit“ - von den orientalischen Reichen, in denen einer frei ist, über die griechisch-römische Welt, in der einige frei sind, zur germanisch-christlichen, in der der Mensch als Mensch frei ist. Das treibende Subjekt ist der Weltgeist, und seine raffinierteste Figur ist die „List der Vernunft“: Sie läßt die großen Individuen ihre Leidenschaften ausleben und ihren Untergang erleiden, während durch sie hindurch das Allgemeine sich verwirklicht. So gewinnt noch das Scheitern Sinn, noch die „Schlachtbank“ der Geschichte eine Logik, weshalb Hegel sein Unternehmen ausdrücklich eine Theodizee nennt. Doch ebendies ist der Skandal: Die Rechtfertigung verschlingt das einzelne Leiden, das im Begriff des Ganzen aufgehoben und damit verbraucht wird. Wer die Vernunft schon im Wirklichen am Werk weiß, gerät in Gefahr, jeden Triumph der Macht nachträglich zur Notwendigkeit zu adeln.

Der Fortschritt als Sturm der Trümmer

Walter Benjamin

Was wir Fortschritt nennen, ist der Sturm aus dem Paradies, der Trümmer auf Trümmer häuft, während der Engel der Geschichte rückwärts ins Offene getrieben wird.

In „Über den Begriff der Geschichte“ zerschlägt Benjamin den Trost der Linie. Sein berühmtestes Bild, die neunte These zu Klees „Angelus Novus“, zeigt den Engel der Geschichte, der das Gesicht der Vergangenheit zukehrt: Wo wir eine Kette von Begebenheiten sehen, sieht er „eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft“. Er möchte verweilen, die Toten erwecken, das Zerschlagene fügen - doch ein Sturm vom Paradiese her treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt: „Dieser Sturm ist das, was wir den Fortschritt nennen.“ Benjamin trifft damit den Schwachpunkt jeder Geschichtsphilosophie der Sieger, für die der Fortschritt selbst zur ruhmlosen Religion geworden ist. Seine messianische Hoffnung auf die „Jetztzeit“, die das Kontinuum aufsprengt, bleibt freilich uneinlösbar - eine Theologie ohne Garantie, die den Trost verweigert, ohne einen neuen geben zu können.

Warum es offen bleibt

Die Frage bleibt strittig, weil sich die Lager nicht auf einem gemeinsamen Feld widerlegen lassen - sie streiten darum, was überhaupt als Beweis gälte. Für Kant und Hegel ist der Fortschritt eine regulative oder spekulative Voraussetzung, ohne die die Geschichte als sinnvolle gar nicht erscheinen könnte; wer ihn leugnet, sieht nur noch ein Rauschen ohne Richtung. Für Benjamin ist genau diese Voraussetzung der Verrat: Die Idee des Fortschritts beruhigt das Gewissen über die Opfer, deren Leiden im Triumphzug der Sieger als bloßes Material verbucht wird. Horkheimer und Adorno haben in der „Dialektik der Aufklärung“ die Schraube noch eine Drehung weiter angezogen - die Vernunft, die uns von der Natur befreien sollte, schlägt in neue Herrschaft um, und der Fortschritt der Mittel begleitet einen Rückschritt der Zwecke. Doch auch dieser Verdacht lebt vom Begriff, den er kritisiert: Wer Rückschritt sagt, misst noch immer an einem Besseren. So bleibt offen, ob Fortschritt die wahrste Hoffnung der Menschheit ist oder ihre hartnäckigste Selbstbeschwichtigung - und ob wir die Frage je anders stellen können denn als Wesen, die in der Zeit nach vorne fallen.

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