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Problem

Bleibe ich dieselbe Person?

Was macht mich über die Zeit hinweg zu ein und derselben Person?

Ich blättere in einer Kinderfotografie und sage mit selbstverständlicher Stimme: das bin ich. Doch was berechtigt dieses Wörtchen? Der Körper jenes Kindes ist bis in seine Zellen ausgetauscht, seine Überzeugungen sind widerlegt, seine Ängste vergessen, seine Liebsten teils gestorben. Geblieben ist eine grammatische Selbstverständlichkeit, die sich beim ersten Nachdenken in Luft auflöst. Hier liegt die begriffliche Falle: Wir setzen ein „Selbst" voraus, das durch alle Veränderung hindurch dasselbe bliebe - und sobald wir danach greifen, finden wir nur Wechsel, nur eine Abfolge von Zuständen, die niemand zusammenhält als wir selbst, im Akt des Erinnerns. Identität wäre dann kein Fund, sondern eine Leistung; kein Ding, das wir besitzen, sondern eine Erzählung, die wir uns erzählen. Derek Parfit hat die Schraube ins Bodenlose gedreht: Träte ich in einen Teletransporter, der mich auf dem Mars Atom für Atom rekonstruiert, während das Original hier zerfällt - überlebte ich die Reise oder stürbe ich, damit ein vollkommenes Double erwachte? Die Frage zerbricht an dem stillen Verdacht, dass es vielleicht gar keine Tatsache gibt, an der sich „ich überlebe" und „ein anderer beginnt" überhaupt entscheiden ließen.

Die maßgeblichen Positionen

Das Gedächtniskriterium

John Locke

Ich bin dieselbe Person, soweit mein Bewusstsein sich erinnernd in vergangene Erlebnisse zurückerstreckt - nicht die Substanz, allein die Kontinuität des Bewusstseins macht die Person.

John Locke trennt im „Essay concerning Human Understanding" die Person scharf vom Menschen und von jeder Substanz: Person ist ein forensischer Begriff, gegründet nicht auf Seele oder Körper, sondern auf das Bewusstsein, das sich erinnernd über die Zeit hinweg an eigene Handlungen anschließt. So weit das Gedächtnis zurückreicht, so weit reicht das Ich - und nur so weit lässt sich jemand mit Recht loben oder zur Rechenschaft ziehen. Die Stärke dieses Gedankens ist seine Befreiung: Identität wird zur erlebten, verantworteten Geschichte und nicht zum Geheimnis einer unsichtbaren Trägermasse. Doch schon Thomas Reid hielt ihm das Paradox des tapferen Offiziers entgegen: Erinnert sich der General an die erste Schlacht, der Offizier dort an den Knaben, der Äpfel stahl, der General aber nicht mehr an den Knaben, so wäre er mit ihm zugleich identisch und nicht identisch - das Kriterium verliert seine Folgerichtigkeit genau dort, wo Erinnerung verblasst, lügt oder sich täuscht.

Die Bündeltheorie

David Hume

Es gibt kein beharrendes Selbst, das man je wahrnehmen könnte - ich bin nur ein Bündel verschiedener Wahrnehmungen in unaufhörlichem Fluss, und das Ich ist eine Fiktion der Einbildungskraft.

David Hume berichtet im „Treatise of Human Nature" von einem ernüchternden Selbstversuch: Sooft er in sich hineinblicke, um das Ich zu ergreifen, stoße er stets nur auf eine einzelne Wahrnehmung - Wärme, Licht, Schmerz, Lust -, niemals auf ein Selbst hinter ihnen. Der Geist sei eine Art Theater, in dem Vorstellungen vorüberziehen, doch dürfe das Bild nicht täuschen: Es gibt keine Bühne, kein Publikum, das bliebe. Die Idee einer dauerhaften Identität entspringt nur der Gewohnheit, ähnliche und verknüpfte Wahrnehmungen leichthin zu verschmelzen. Die Schärfe dieser Analyse ist bestechend - sie nimmt der Metaphysik des Ich jeden Boden. Doch Hume selbst gestand im Anhang seine Ratlosigkeit ein: Wenn alle Wahrnehmungen lose und getrennt sind, was knüpft sie dann zu eben jenem Bündel zusammen, das ich „mein Leben" nenne? Das verbindende Prinzip, das er suchte, fand er nicht.

Anattā - das Nicht-Selbst

Siddhartha Gautama (Buddha)

Es gibt kein dauerhaftes, substantielles Ich, an dem man festhalten könnte - was wir „Selbst" nennen, ist ein bedingt entstehender Strom vergänglicher Daseinsfaktoren.

Die Lehre des Buddha vom Anattā, vom Nicht-Selbst, durchsucht den Menschen Stück für Stück - Körper, Empfindung, Wahrnehmung, Geistesregungen, Bewusstsein - und findet in keiner dieser fünf Daseinsgruppen ein bleibendes Selbst, sondern überall nur Bedingtes, Entstehendes, Vergehendes. Was wie eine Person erscheint, ist ein Prozess in abhängiger Entstehung, eine Flamme, die von Augenblick zu Augenblick weitergereicht wird, ohne dass dieselbe Flamme bestünde. Anders als bei Hume ist dies keine bloß theoretische Einsicht, sondern eine befreiende Praxis: Das Festklammern an einem Ich gilt als Wurzel des Leidens, und seine Durchschauung als Weg zur Lösung. Doch hier öffnet sich die alte Schwierigkeit: Wenn niemand beständig ist, wer wandert dann durch die Wiedergeburten, wer erntet die Früchte des Karma? Die Tradition antwortet mit Kontinuität ohne Identität - eine Lösung, die das Problem zugleich präzisiert und seine ganze Schwere erst sichtbar macht.

Warum es offen bleibt

Die Frage bleibt offen, weil jede Antwort an einer anderen Stelle blutet. Setzt man wie Locke auf die Erinnerung, droht die Identität an jeder Gedächtnislücke zu zerreißen und an jeder Verwechslung zu verschwimmen - der Betrunkene, der seine Tat vergaß, wäre ein anderer als der Nüchterne, der sie beging. Erklärt man das Ich mit Hume und Buddha zur Fiktion, zum bloßen Bündel oder Strom, so bleibt unerklärt, wer hier eigentlich erzählt, wer leidet, wer Verantwortung trägt und wer morgen den Schlüssel finden will, den ich heute verstecke. Parfits Teletransporter macht die Verlegenheit endgültig sichtbar: Womöglich ist die Frage „Bin ich es noch?" gar keine Frage nach einer verborgenen Tatsache, sondern nur die Frage, wie viel uns am Wort „ich" liegt. Und so schwankt die Antwort zwischen einem metaphysischen Trost, den wir nicht beweisen, und einer Nüchternheit, die wir nicht ertragen - zwischen der Person als Substanz und der Person als Gerücht, das sich selbst am Leben hält.

Denker, die an dieser Frage rangen

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