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Wahrheit & ÖffentlichkeitKW 21 · Mai 2026

Gibt es noch gemeinsame Fakten?

Braucht eine freie Gesellschaft eine geteilte Wirklichkeit – und wer verbürgt sie?

Im April 2025 hat Meta in den USA die unabhängige Faktenprüfung abgeschafft und durch „Community Notes“ ersetzt, jene gemeinschaftlich verfertigten Fußnoten, von denen das eigene Oversight Board inzwischen einräumt, dass sie der Desinformation zu langsam und zu lückenhaft begegnen. Und im Herbst zuvor hatten Deepfakes in Irlands Präsidentschaftswahl eine Schwelle berührt, jenseits derer das bloße Auge ins Wanken gerät: Ein gefälschtes Video ließ die spätere Siegerin ihren Rückzug verkünden, eingefasst in ein nachgebautes Nachrichtenstudio, in dem die geraubten Gesichter echter Sprecher das Erlogene „bestätigten“. Und wieder steht die alte, unbequeme Frage im Raum, diesmal ohne ihr gewohntes Echo: Gibt es noch gemeinsame Fakten?

🎧 Hörfassung – vorgelesen

Es hat etwas Rührendes, wie zäh sich der Glaube hält, ein Faktum sei eine harte, glänzende Münze, die man nur aus der Tasche ziehen müsse, damit der Streit verstumme. In Wahrheit war der Fakt immer ein scheues Tier, das nur lebt, solange jemand es füttert: Redaktionen, Archive, Gerichte, die mühselige Höflichkeit, einander zuzuhören. Was gerade geschieht, ist nicht der Tod der Wahrheit, sondern der Entzug ihrer Pflege. Wenn ein Konzern die Faktenprüfung einstellt und einer Menge überlässt, die nur dann widerspricht, wenn sie sich einig wird, dann wird das Wahre nicht widerlegt, es wird einfach langsamer als die Lüge, die schon dreimal um die Welt gereist ist, ehe die Fußnote den Mantel anzieht.

Hannah Arendt hat den kühlen Satz hinterlassen, dass die Tatsachenwahrheit von Natur aus politisch gefährdet sei, weil sie nichts Zwingendes habe: Dass am Sonntag jemand gewählt wurde, hätte auch anders ausgehen können, und gerade diese Zufälligkeit macht sie so leicht erpressbar. Sie sah die eigentliche Gefahr nicht im einzelnen Lügner, sondern im organisierten Lügen, das nicht mehr eine Tatsache durch eine andere ersetzt, sondern den Sinn für den Unterschied zwischen wahr und falsch zerstört. Wer am Ende alles glauben darf, glaubt nichts mehr, und ein Volk, das nichts mehr glauben kann, lässt sich bequem regieren. Es ist eine Diagnose von 1967, und sie liest sich, als hätte sie heute Morgen die Zeitung aufgeschlagen.

Hier tritt Friedrich Nietzsche dazwischen, mit jenem Lächeln, das man nie ganz deuten kann. Es gebe gar keine Tatsachen, ruft er, nur Interpretationen; jede Wahrheit sei ein bewegliches Heer von Metaphern, das die Macht sich dienstbar gemacht habe. Man möchte ihm zustimmen und erschrickt im selben Atemzug, denn genau dieser Satz ist heute zum Werkzeug derer geworden, die er verachtet hätte, der Bequemen, der Lauten, der Algorithmen, die aus Empörung Kapital schlagen. Der Perspektivismus war als Schärfung des Blicks gedacht, als Misstrauen gegen die selbstgefällige Gewissheit, und ist nun, halb verstanden, zur Lizenz geworden, sich jede Wirklichkeit zu basteln, die das eigene Ressentiment streichelt.

Michel Foucault wiederum hätte uns geraten, die Frage nach dem Wahren um eine andere zu ergänzen: Wer darf hier eigentlich sprechen, und mit welchem Recht? Wahrheit, sagt er, ist kein Schatz, den man findet, sondern eine Ordnung, die produziert wird, von Universitäten, Behörden, Verlagen, einem ganzen Apparat, der bestimmt, welcher Satz als seriös gilt und welcher als Spinnerei. Das klingt zunächst entlarvend und ist doch zweischneidig, denn wenn Meta die geprüfte Stimme durch das Raunen der Menge ersetzt, dann wird ja kein Machtregime gestürzt, sondern nur eines durch ein wüsteres ausgetauscht, das der Reichweite. Der Markt der Aufmerksamkeit hat seine eigene Wahrheitspolitik, und sie heißt nicht Genauigkeit, sie heißt Klick.

Bleibt Jürgen Habermas, der unbeirrbar Höfliche, der noch im Lärm darauf besteht, dass Wahrheit nichts ist, was man besitzt, sondern etwas, das man gemeinsam einlöst, im Gespräch, unter Gleichen, mit dem einzigen Zwang, der zwanglos ist, dem des besseren Arguments. Eine Öffentlichkeit, sagt er, ist kein Saal, sondern ein Versprechen: dass wir streiten können, weil wir denselben Boden unter den Füßen teilen. Genau diesen Boden zieht die synthetische Bilderflut weg, wenn niemand mehr weiß, ob die Stimme echt ist, die da spricht, und der Zweifel selbst zur Waffe wird. Denn wo schon das Echte unter den Verdacht der Fälschung gerät, ist nicht nur die einzelne Lüge das Problem, sondern die leise Erosion jenes Vertrauens, ohne das kein Argument mehr ankommt.

Braucht also eine freie Gesellschaft eine geteilte Wirklichkeit, und wer verbürgt sie? Vielleicht ist die ehrlichste Antwort, dass niemand sie verbürgt, dass es nie eine Instanz gab, die uns die gemeinsame Welt garantierte, sondern immer nur Menschen, die sich die Mühe machten, einander beim Wort zu nehmen. Die geteilte Wirklichkeit ist keine Sache, die man hat, sondern eine Praxis, die man verliert, sobald man aufhört, sie zu üben, fahrlässig, bequem, ein Klick nach dem anderen. Es wäre ein Irrtum zu glauben, eine bessere Maschine könne sie uns zurückgeben; eher wäre sie zu retten in jenen altmodischen Gesten, die nichts skalieren: nachfragen, zögern, sich korrigieren lassen. Womöglich beginnt sie genau dort, wo einer innehält und sagt, ich weiß es nicht, lass es uns nachsehen, und dem anderen so weit traut, dass er es mit ihm nachsieht.

Kernnoten der Denker

Was jeder von ihnen zu dieser Frage beizutragen hat.

Hannah Arendt

Arendt sieht die Tatsachenwahrheit als politisch besonders verletzlich, weil sie kontingent ist und sich nicht durch zwingende Logik verteidigen lässt; die eigentliche Gefahr ist für sie das organisierte Lügen, das nicht einzelne Fakten ersetzt, sondern den Sinn für den Unterschied zwischen wahr und falsch zersetzt und damit jede Urteilsfähigkeit untergräbt.

Michel Foucault

Foucault fragt nicht, was wahr ist, sondern wie Wahrheit produziert wird: Jede Gesellschaft hat ihr Wahrheitsregime, einen Apparat von Institutionen und Diskursen, der bestimmt, welche Aussagen als wahr gelten. Der Wechsel von geprüfter Information zur Reichweitenlogik der Plattformen ist demnach kein Ende der Macht, sondern ihre Verschiebung.

Jürgen Habermas

Habermas begreift Wahrheit als diskursiv einzulösenden Geltungsanspruch: Sie entsteht in der herrschaftsfreien Verständigung, wo allein der zwanglose Zwang des besseren Arguments zählt. Eine funktionierende Öffentlichkeit ist dafür die Voraussetzung; ihre Zersetzung durch manipulierte Kommunikation und systematischen Zweifel zerstört die Bedingung rationaler Meinungsbildung selbst.

Friedrich Nietzsche

Nietzsches Perspektivismus bestreitet, dass es Tatsachen an sich gebe, nur Interpretationen; Wahrheiten sind ihm ein bewegliches Heer von Metaphern im Dienst von Lebensinteressen und Macht. Gedacht als Schärfung des kritischen Blicks gegen falsche Gewissheit, lässt sich der Satz heute leicht zur bequemen Lizenz beliebiger Wirklichkeitsbastelei verkehren.

Quellen

Geprüfte Primär- und Sekundärquellen, auf die sich dieser Artikel stützt.

  • Hannah Arendt, Wahrheit und Politik (Truth and Politics) (1967). Essay, zuerst in: The New Yorker, 25.02.1967; dt. in: Wahrheit und Lüge in der Politik (1972). Abschnitte zur Tatsachenwahrheit und zum 'organisierten Lügen'primär
  • Friedrich Nietzsche, Ueber Wahrheit und Luege im aussermoralischen Sinne (1873). §1 ('Was ist also Wahrheit? Ein bewegliches Heer von Metaphern, Metonymien, Anthropomorphismen ...'); verfasst (diktiert) 1873, postum 1896 veroeffentlichtprimär
  • Friedrich Nietzsche, Nachgelassene Fragmente Herbst 1885 - Herbst 1887 (KSA 12) (1885-1887). NF Ende 1886 - Fruehjahr 1887, 7[60]: 'Gegen den Positivismus ... Es giebt keine Thatsachen, nur Interpretationen.'primär
  • Michel Foucault, Wahrheit und Macht (Verite et pouvoir, Interview mit A. Fontana u. P. Pasquino); dt. in: Dispositive der Macht (1978) (1977). Interview 1976, erstveroeffentlicht 1977 (ital. 'Microfisica del potere'); Begriff des 'Wahrheitsregimes' (regime de verite): jede Gesellschaft hat ihre 'Politik der Wahrheit'primär
  • Michel Foucault, Ueberwachen und Strafen. Die Geburt des Gefaengnisses (Surveiller et punir) (1975). Zur Produktion von Wahrheit durch Macht-/Wissensapparateprimär
  • Jürgen Habermas, Wahrheitstheorien (in: H. Fahrenbach (Hrsg.), Wirklichkeit und Reflexion. Walter Schulz zum 60. Geburtstag) (1973). Neske, Pfullingen, S. 211-265; diskursive/konsenstheoretische Wahrheit; 'der eigentuemlich zwanglose Zwang des besseren Arguments'primär
  • Jürgen Habermas, Strukturwandel der Oeffentlichkeit. Untersuchungen zu einer Kategorie der buergerlichen Gesellschaft (1962). Begriff der (deliberativen) Oeffentlichkeit als Voraussetzung rationaler Meinungsbildungprimär
  • Samantha Rose Hill, Hannah Arendt and the Politics of Truth (Essay, openDemocracy) (2020). openDemocracy, Erstveroeffentlichung Okt. 2020 (Wiederveroeffentlichung Maerz 2021); Einordnung von Arendts 'Wahrheit und Politik' im Kontext von Post-Truth/Desinformation. Nicht zu verwechseln mit Hills Buch 'Hannah Arendt', Reaktion 2021sekundär