Die Kinderkrankheit 67. Über ein Wort, das man teilt, ohne es zu meinen
Was geschieht, wenn ein Wort nur noch geteilt, aber nichts mehr gemeint wird – und ist der reine Unsinn vielleicht die reinste Form der Zugehörigkeit?
Es beginnt, wie alle Epidemien des Geistes, mit einem Husten, der nichts bedeutet. Ein Lehrer schlägt Seite siebenundsechzig auf, eine Matheaufgabe geht zufällig auf, und durch das Klassenzimmer rollt es: „Six – seven“, gedehnt, gesungen fast, begleitet von zwei offenen Handflächen, die in der Luft etwas Unsichtbares wiegen, als hielten sie zwei gleich schwere Nichtse gegeneinander. Im Oktober 2025 hat Dictionary.com diesen Laut zum Wort des Jahres gekürt – und dabei mit bemerkenswerter Aufrichtigkeit eingeräumt, dass man nicht zu sagen wisse, was er heiße: „bedeutungslos, allgegenwärtig, unsinnig“. Geboren aus einem Drill-Song des Rappers Skrilla, „Doot Doot (6 7)“, durchgereicht über einen Basketballer namens LaMelo Ball, der zufällig zwei Meter ein misst, und schließlich gezündet durch ein Kind, den „67 Kid“ Maverick Trevillian, der die Silben Ende März in eine Kamera brüllte. Skrilla selbst, der Urheber, hat es am schönsten gesagt: „Ich habe ihm nie eine Bedeutung gegeben, und ich möchte es auch nicht.“ Man steht davor wie vor einem Fieber, das ansteckt, ohne krank zu machen, und fragt sich, staunend, ob hier ein Sinn verloren geht – oder einer entsteht, den wir nur nicht mehr lesen können.
🎧 Hörfassung – vorgelesen
Ludwig Wittgenstein hätte an dieser Szene seine Freude und seine Mühe gehabt. „Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache“, lautet sein berühmtester Satz aus den Philosophischen Untersuchungen – und nach diesem Maß ist „67“ keineswegs bedeutungslos. Es hat einen tadellosen Gebrauch: Es wird gemeinsam gerufen, es stiftet ein Lachen, es teilt eine Klasse in jene, die mitsingen, und jene, die ratlos zur Tafel blicken. Es ist ein vollendetes Sprachspiel, nur eben eines, das auf keinen Gegenstand mehr zeigt. Der frühe Wittgenstein des Tractatus hatte die Grenze noch streng gezogen: Worüber man nicht sprechen kann, darüber müsse man schweigen; ein Satz habe Sinn, sofern er einen möglichen Sachverhalt abbilde. „67“ bildet nichts ab. Es ist, nach jenem strengen Maßstab, reiner Unsinn. Und doch funktioniert es makellos. Der späte Wittgenstein lehrt uns, das nicht als Defekt zu lesen, sondern als Lektion: Wir haben uns daran gewöhnt, hinter jedem Wort ein Etwas zu vermuten, auf das es deutet. Hier deutet eines nur noch auf das Spiel selbst, auf das Miteinander-Rufen. Die Referenz ist verdunstet, der Gebrauch geblieben. Was, fragt man sich, bleibt eigentlich übrig, wenn von der Sprache nur noch ihr Vollzug bleibt?
Aristoteles würde an dieser Stelle nicht mit der Wahrheitsfrage kommen, sondern mit der Lust. Der Mensch, schreibt er in der Poetik, sei das nachahmendste aller Lebewesen, und durch Nachahmung erwerbe er seine ersten Kenntnisse, und an Nachgeahmtem habe er seine erste Freude. Wer ein Kind beobachtet, das „six seven“ ruft, sieht keine Bosheit und keinen Verfall, sondern diese uralte mimetische Lust in Reinform: die Freude am Wiederholen, am Mitmachen, am Echo. Das Meme ist Mimesis ohne Mimema, Nachahmung ohne ein Vorbild, das noch etwas vorstellte – man ahmt nicht eine Sache nach, sondern die Geste des Nachahmens selbst. Und genau darin liegt seine ansteckende Heiterkeit. René Girard hat dieses mimetische Begehren später zur Theorie der Ansteckung verdichtet: Wir wollen, was die anderen wollen, wir rufen, was die anderen rufen, und niemand muss mehr wissen, warum. Der Unsinn breitet sich aus wie ein Lachen, das man nicht versteht und doch teilt. Vielleicht ist „67“ weniger ein Wort als ein gemeinsamer Atemzug.
Bei Friedrich Nietzsche aber teilt sich der Befund, und hier wird es ernst. Denn zweierlei ist hier nicht dasselbe und sieht doch verwirrend gleich aus. Da ist, erstens, der Herdentrieb, jenes Mitlaufen, jenes Brüllen im Chor, das keine Begründung kennt und keine braucht, weil das Dazugehören selbst der ganze Inhalt ist. Und da ist, zweitens, jenes Bild aus dem Zarathustra, mit dem Nietzsche die höchste Verwandlung des Geistes beschreibt: das Kind als Unschuld und Vergessen, „ein Neubeginnen, ein Spiel, ein aus sich rollendes Rad, eine erste Bewegung, ein heiliges Ja-sagen“. Ist „67“ nun Herde oder Spiel? Die Pointe ist, dass es äußerlich nicht zu entscheiden ist – dasselbe gerufene Nichts kann das stumpfe Mitlaufen der Vielen sein oder das souveräne, zweckfreie Spiel dessen, der sich keinen Sinn mehr vorschreiben lässt. Das Kind, das „six seven“ ruft und mit den Händen die zwei Nichtse wiegt, hält womöglich, ohne es zu wissen, beide Möglichkeiten in den offenen Handflächen.
Theodor W. Adorno und Max Horkheimer hätten gewusst, auf welche Seite sie sich schlagen. Die Kulturindustrie, schreiben sie in der Dialektik der Aufklärung, produziert das Immergleiche unter dem Schein des Neuen; sie liefert standardisierte Formeln, die sich endlos reproduzieren, und gewöhnt den Menschen an die Wiederholung, bis er sie für Genuss hält. „67“ wäre ihnen die vollendete Leerform: ein Zeichen, das gar nichts mehr behauptet und eben darum reibungslos durch jeden Algorithmus, jede Plattform, jeden Pausenhof rutscht. Ein Schema ohne Inhalt verkauft sich schließlich am besten – es muss nicht einmal mehr lügen. Jean Baudrillard hätte hinzugefügt: Hier ist das Zeichen endgültig frei geworden von dem, wofür es einst stand, ein Simulakrum, das auf nichts mehr verweist als auf den eigenen Umlauf. Das ist die dunkle Lesart, und sie ist ernst zu nehmen: dass wir uns das Sprechen abgewöhnen, indem wir Laute zirkulieren lassen wie Münzen, deren Prägung niemand mehr liest.
Und doch – und hier muss man widersprechen, ohne die Warnung zu verraten – steckt im Unsinn auch ein Eigensinn. Gerade weil „67“ nichts bedeutet, kann es nicht verkauft, nicht belehrt, nicht für eine Sache eingespannt werden; es entzieht sich der Verwertung, indem es leer bleibt. Wo Adorno die Leere als Kapitulation sah, könnte man die Renitenz des Nonsens entdecken: ein Wort, das die Erwachsenen ausschließt, eben weil es ihnen nichts zu verstehen gibt. Die Folkloristen Iona und Peter Opie haben das Lallen und Reimen der Kinder auf den Schulhöfen ein Jahrhundert lang gesammelt und in ihm eine eigene, untergründige Kultur erkannt, die sich keiner pädagogischen Absicht beugt – Abzählverse, die nichts zählen, Formeln, deren Sinn allein im gemeinsamen Sprechen liegt. „67“ steht in dieser uralten Linie. Bleibt also die Frage offen, gereift, in der Schwebe wie die beiden wiegenden Hände: Ist das gerufene Nichts die Leere, vor der gewarnt wurde – oder die letzte unverwertbare Münze, mit der Kinder sich gegenseitig sagen: Ich bin dabei, ohne dass ich dir sagen müsste, wobei? Vielleicht ist die reinste Zugehörigkeit die, die nichts mehr meint, weil sie nichts mehr meinen muss.
Kernnoten der Denker
Was jeder von ihnen zu dieser Frage beizutragen hat.
„Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache.“ Nach diesem Maß ist „67“ nicht sinnlos, sondern ein vollkommenes Sprachspiel: Es hat einen Gebrauch – gemeinsam rufen, dazugehören –, nur keine Referenz mehr. Der Tractatus zog die Grenze von Sinn und Unsinn streng; die Untersuchungen zeigen, dass ein Wort funktionieren kann, das auf nichts mehr zeigt als auf das Spiel selbst.
Der Mensch ist das nachahmendste aller Lebewesen und gewinnt seine erste Freude an der Nachahmung (Poetik). Das ansteckende Wiederholen von „67“ ist mimetische Lust in Reinform – Nachahmung der Geste des Nachahmens, ohne dass noch ein Vorbild etwas vorstellte.
Zwischen Herdentrieb und spielendem Kind ist äußerlich nicht zu entscheiden. Dasselbe gerufene Nichts kann stumpfes Mitlaufen sein oder jenes „Spiel, ein aus sich selber rollendes Rad“, die höchste Verwandlung aus dem Zarathustra – ein zweckfreies, souveränes Ja zum Sinnlosen.
Die Kulturindustrie produziert das Immergleiche als standardisierte, inhaltsleere Formel, die sich endlos reproduziert. „67“ wäre die vollendete Leerform – ein Zeichen, das nichts mehr behauptet und gerade darum reibungslos zirkuliert. Und doch: Im Unsinn könnte ein unverwertbarer Rest Widerstand liegen.
Mit Adorno in der Dialektik der Aufklärung: Die Wiederholung des Schemas gewöhnt den Menschen an das Immergleiche, bis er die Leere für Genuss hält. Das Meme als perfektes Schema ohne Inhalt – das nicht einmal mehr zu lügen braucht.
Quellen
Geprüfte Primär- und Sekundärquellen, auf die sich dieser Artikel stützt.
- Ludwig Wittgenstein, Philosophische Untersuchungen (1953). § 43 („Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache“); vgl. §§ 7, 23 zum Sprachspielprimär
- Ludwig Wittgenstein, Tractatus logico-philosophicus (1921). Satz 7 („Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen“); Sätze 4.0ff. zur Abbildtheorie und zur Grenze von Sinn und Unsinnprimär
- Aristoteles, Poetik (um 335 v. Chr.). Kap. 4, 1448b („der Mensch ist das nachahmendste der Lebewesen … und freut sich an Nachgeahmtem“)primär
- Friedrich Nietzsche, Also sprach Zarathustra (1883). Erster Teil, „Von den drei Verwandlungen“ (das Kind als „Spiel, ein aus sich selber rollendes Rad … ein heiliges Ja-sagen“)primär
- Max Horkheimer / Theodor W. Adorno, Dialektik der Aufklärung (1947). Kapitel „Kulturindustrie. Aufklärung als Massenbetrug“ (Standardisierung, Schematismus, das Immergleiche)primär
- Steven Petrow / NPR (Bericht), What does '67' mean? Dictionary.com's 2025 word of the year has no definition (npr.org) (2025). Veröffentlicht 31.10.2025; zur Kürung von „67“ zum Word of the Year und der Charakterisierung als „meaningless, ubiquitous, and nonsensical“sekundär
- Wikipedia-Autoren, 6-7 (meme) (en.wikipedia.org) (2026). Zur Chronologie: Skrilla, „Doot Doot (6 7)“ (Dez. 2024 / 07.02.2025); LaMelo Ball; „67 Kid“ Maverick Trevillian (31.03.2025); Schulverbote; Skrilla-Zitat „I never put an actual meaning on it“sekundär