Wem gehören die ersten Sekunden?
Wenn Algorithmen und KI die ersten Sekunden perfektionieren, um uns zu fesseln – sind wir dann noch Herren unserer Aufmerksamkeit, oder werden wir bewirtschaftet?
Anfang Februar dieses Jahres hat die Europäische Kommission zum ersten Mal nicht ein Produkt, sondern eine Bauweise gerügt: Der Endlos-Feed von TikTok, urteilte sie, verstoße gegen das Digitale-Dienste-Gesetz – die unendliche Bahn, auf der der Daumen nie ankommt. Zugleich rüsten Meta, TikTok und YouTube ihre Werkzeuge auf, die ganze Reels samt „Hook“ erzeugen, jener ersten zwei, drei Sekunden, in denen sich entscheidet, ob wir bleiben; mehr als vier Millionen Werbetreibende lassen ihre Bilder inzwischen von generativer KI variieren, und für Ende 2026 plant Brüssel einen „Digital Fairness Act“ gegen „addictive design“. Die Frage, die unter dieser Gesetzesarbeit wartet, ist älter als jeder Algorithmus: Wem gehören die ersten Sekunden?
🎧 Hörfassung
Es ist eine schöne Zahl, an der man die Epoche ablesen kann: drei Sekunden. So lang ist das Fenster, in dem ein Werbevideo, das durch unseren Daumen scrollt, uns halten muss, ehe wir weiterwischen. Dreiundsechzig Prozent der erfolgreichsten Anzeigen liefern ihre Botschaft in dieser Spanne, und eine ganze Industrie nennt die Quote, mit der ein Video den Sturz in die Tiefe des Feeds überlebt, ungerührt „hook rate“ – Haken-Rate, als ginge es um Fische. Neu ist nicht, dass Werbung uns fangen will; neu ist, dass sie es nicht mehr raten muss. Generative Systeme erzeugen hundert Anfänge, behalten den, der am längsten bindet, und beginnen von vorn – eine Maschine, die das Innehalten gegen sich selbst optimiert, im Sekundentakt, gegen jeden von uns einzeln.
Herbert Simon, der Ökonom und Kognitionsforscher, hat schon 1971 den Satz geschrieben, der über diesem Geschäft stehen müsste: Eine Fülle an Information schaffe eine Armut an Aufmerksamkeit. Was im Überfluss vorhanden ist, verliert seinen Preis; knapp und also kostbar wird das, was die Information verschlingt – unser Blick, unsere Zeit, das schmale Vermögen, bei einer Sache zu bleiben. Auf diesem knappen Gut ist eine ganze Ökonomie errichtet worden, und ihre Währung sind die ersten Sekunden. Die Frage ist nur, ob diese Sekunden noch uns gehören, wenn ein System sie genauer kennt als wir selbst – ob wir den Feed bedienen oder von ihm bewirtschaftet werden, ein Feld, das Frucht trägt, ohne zu wissen, dass es bestellt wird.
Theodor W. Adorno hätte an dieser Stelle bloß genickt, mit jener melancholischen Genugtuung dessen, der recht behält, ohne sich darüber zu freuen. Was er und Horkheimer „Kulturindustrie“ nannten, war genau dies: dass Kunst, Unterhaltung, schließlich jede freie Stunde nach dem Muster der Fabrik gefertigt werden, standardisiert und zugleich, durch winzige Unterschiede, als individuell verkauft – Pseudoindividualisierung hieß das bei ihm. Der KI-Hook ist die Vollendung dieses Gedankens, nicht seine Widerlegung: tausend Varianten desselben Reizes, jede scheinbar auf mich gemünzt, alle dem einen Zweck dienend, das Bestehende zu bestätigen und das selbständige Denken stillzustellen. Die Zerstreuung, sagte Adorno, entlastet nicht, sie schult zur Anpassung. Wo die Werbung mit der Kultur verschmilzt, bis man beide nicht mehr trennt, da feiert die instrumentelle Vernunft ihren leisesten Triumph: Sie verkauft uns die eigene Unmündigkeit als Vergnügen.
Walter Benjamin, dem Freund und Widerpart, war diese Strenge zu eindeutig. Er hatte den Begriff geprägt, der hier alles erklärt: die „Rezeption in der Zerstreuung“. Der Film, schrieb er im „Kunstwerk“-Essay, fordere nicht die sammelnde Versenkung vor dem einen, ortsgebundenen Werk, sondern werde nebenbei, taktil, im Vorübergehen aufgenommen – wie ein Gebäude, das man bewohnt, ohne es zu betrachten. Darin sah Benjamin nicht nur Verfall, sondern eine neue, beinahe demokratische Wahrnehmungsweise, eine Schule der zerstreuten Aufmerksamkeit. Doch was bei ihm Verheißung war, die Aura, die im Zeitalter ihrer Reproduzierbarkeit „verkümmert“, kehrt im Feed als Falle wieder: Die Zerstreuung, die er gegen den Kult der Versenkung in Stellung brachte, ist heute kein Weg zur Mündigkeit mehr, sondern der Geschäftsplan selbst. Adorno warf ihm schon 1936 vor, das Befreiende daran zu überschätzen – und man muss zugeben, der Streit der beiden Toten ist, neunzig Jahre später, noch nicht entschieden.
Tiefer noch, hinter aller Technik, sitzt ein älterer Verdacht. Blaise Pascal hat ihn divertissement genannt, Zerstreuung im wörtlichen Sinn: das Auseinandergezogenwerden des Menschen, der es nicht erträgt, still in seinem Zimmer zu sitzen, und der darum jede Ablenkung dankbar ergreift, um nicht bei sich selbst, bei seiner Sterblichkeit, bei dem ewigen Schweigen der unendlichen Räume verweilen zu müssen. Der Endlos-Feed wäre dann kein neues Übel, sondern die perfekteste Maschine für ein sehr altes Bedürfnis – das Zimmer, das man nie mehr verlassen muss, weil man es nie mehr betritt. Augustinus hatte dasselbe Begehren früher schon getauft: curiositas, die concupiscentia oculorum, die unruhige Gier des Auges nach immer Neuem, die alles sehen will und nichts liebt. „Unruhig ist unser Herz“ – das cor inquietum, das von einem Bild zum nächsten getrieben wird und doch nirgends ankommt, weil es das Falsche sucht. So treffen sich, über die Jahrhunderte, der fromme Bischof und der jansenistische Mathematiker im selben Befund: Der Algorithmus erfindet die Unruhe nicht, er füttert sie. Ob wir Herren der ersten Sekunden sind, hängt dann vielleicht weniger an den Maschinen als an einer Frage, die keine von ihnen stellt – ob wir das Stillsitzen je gelernt haben, das sie uns so verlässlich ersparen.
Kernnoten der Denker
Was jeder von ihnen zu dieser Frage beizutragen hat.
Mit dem Begriff der „Kulturindustrie“ erklärt Adorno (mit Horkheimer) den KI-Hook avant la lettre: Unterhaltung wird nach Fabrikmuster standardisiert und durch Pseudoindividualisierung als persönlich verkauft, während Werbung mit Kultur verschmilzt. Die so erzeugte Zerstreuung entlastet nicht, sondern schult zur Anpassung – algorithmisch optimierte Feeds vollenden für ihn die instrumentelle Vernunft, die uns die eigene Unmündigkeit als Vergnügen verkauft.
Benjamins „Rezeption in der Zerstreuung“ beschreibt genau jene taktil-beiläufige Wahrnehmung, in der wir durch Feeds wischen – für ihn im „Kunstwerk“-Essay zunächst eine neue, fast demokratische Wahrnehmungsweise jenseits der auratischen Versenkung. Doch was er als emanzipatorische Chance las, kehrt im algorithmischen Feed als Geschäftsmodell wieder; Adornos Einwand, er überschätze das Befreiende der Zerstreuung, trifft hier ins Mark.
Pascals divertissement deutet den Endlos-Feed als perfekte Maschine für ein altes Bedürfnis: Der Mensch erträgt es nicht, still in seinem Zimmer zu sitzen, und flieht in jede Ablenkung, um nicht bei seiner Nichtigkeit und Sterblichkeit zu verweilen. Der Algorithmus erfindet diese Fluchtbewegung nicht – er bedient sie nur mit beispielloser Präzision.
Augustinus hat das, was die ersten Sekunden ausnutzen, früh benannt: curiositas und die concupiscentia oculorum, die unruhige Begierde des Auges nach immer Neuem, die alles sehen will und nichts liebt. Das von Bild zu Bild getriebene „cor inquietum“, das unruhige Herz, findet im Feed keine Ruhe, weil es das Falsche sucht – der Algorithmus füttert die Unruhe, statt sie zu stillen.
Quellen
Geprüfte Primär- und Sekundärquellen, auf die sich dieser Artikel stützt.
- Max Horkheimer / Theodor W. Adorno, Dialektik der Aufklärung, Kapitel „Kulturindustrie. Aufklärung als Massenbetrug“ (1947). Standardisierung der Kulturwaren, Pseudoindividualisierung, Verschmelzung von Werbung und Kultur; Zerstreuung als Schulung zur Anpassung. Grundlage des Adorno-Arguments.primär
- Theodor W. Adorno, Résumé über Kulturindustrie (in: Ohne Leitbild) (1963). Knappe Selbstdarstellung des Begriffs: die Kulturindustrie verhindert die Bildung autonomer, selbständig urteilender Individuen und liefert sie ihrer eigenen Verdummung aus.primär
- Walter Benjamin, Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit (1935/36). „Rezeption in der Zerstreuung“ (taktil-beiläufige Wahrnehmung), das Verkümmern der Aura; die Zerstreuung als neue, fast demokratische Wahrnehmungsweise. Quelle des Benjamin-Arguments.primär
- Theodor W. Adorno / Walter Benjamin, Briefwechsel (Brief Adornos an Benjamin vom 18. März 1936) (1936). Adornos Kritik, Benjamin überschätze das emanzipatorisch-Befreiende der Zerstreuung und der technischen Reproduzierbarkeit. Beleg für den „Streit der beiden“.primär
- Blaise Pascal, Pensées (Gedanken) (posthum 1670). Abschnitt über das divertissement (Zerstreuung): der Mensch erträgt es nicht, ruhig in seinem Zimmer zu bleiben; das „ewige Schweigen der unendlichen Räume“. (Laf. 136 / Br. 139.)primär
- Augustinus von Hippo, Bekenntnisse (Confessiones) (ca. 397–401 n. Chr.). Buch X über die curiositas und die concupiscentia oculorum (die Begierde der Augen); Buch I,1 „cor inquietum“ – „unruhig ist unser Herz“. Quelle des Augustinus-Arguments.primär
- Herbert A. Simon, Designing Organizations for an Information-Rich World (1971). Ursprung des Diktums der Aufmerksamkeitsökonomie: „a wealth of information creates a poverty of attention“ – eine Fülle an Information schafft eine Armut an Aufmerksamkeit.primär