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Mensch & NaturKW 28 · Juli 2026

Dürfen wir Tiere essen?

Was schulden wir den Tieren – und woran bemisst sich, wessen Leiden zählt?

Seit Jahren sinkt der Fleischkonsum in Deutschland langsam, doch beharrlich – während im Supermarktregal die pflanzlichen Alternativen wachsen und in Maastricht ein Unternehmen seinen Zulassungsantrag für kultiviertes Fleisch durch die europäischen Behörden zu schleusen versucht. Es ist, als rückte eine alte Gewissensfrage, lange in der Schublade des Sentimentalen verstaut, langsam ins Licht der Küche. Was eigentlich schulden wir den Tieren, die wir essen?

🎧 Hörfassung

Die Frage hat etwas Unbequemes, weil sie sich nicht abschütteln lässt wie eine Mode. Der Rückgang des Fleischverzehrs – von gut sechzig Kilo pro Kopf in den achtziger Jahren auf zuletzt rund zweiundfünfzig – ist keine Laune, sondern eine schleichende kulturelle Verschiebung, an der Gesundheitsbedenken, Klimasorge und ein leise gewordenes Unbehagen mitschreiben. Daneben wächst, Jahr um Jahr, der Markt der pflanzlichen Surrogate, und über allem schwebt das Versprechen des Zellkultur-Fleisches, das die Schlachtung abschaffen will, ohne den Geschmack preiszugeben. Die Industrie nennt das Innovation; ein Philosoph nennt es das, was es ist: eine moralische Verlegenheit, die nach technischen Auswegen sucht. Denn die eigentliche Frage ist nicht, wie wir Fleisch ohne Tier herstellen, sondern warum uns das Tier überhaupt zu schaffen macht.

Die längste Tradition gehört dabei der beruhigenden Antwort, und ihr Anwalt ist Aristoteles. Bei ihm steht das Tier in einer Stufenordnung der Seele: die Pflanze nährt sich, das Tier empfindet und bewegt sich, allein der Mensch denkt – und wer denkt, steht obenan. Aus dieser „scala naturae“ folgt für ihn in der „Politik“ ein Naturzweck, fast beiläufig hingesagt: die Pflanzen seien um der Tiere willen da, die Tiere um des Menschen willen. Es ist eine Ordnung von kühler Eleganz, und sie hat zweieinhalbtausend Jahre lang die Schlachtbank moralisch gedeckt, weil sie das Tier nicht quält, sondern bloß einordnet. Man muss sie nur einmal von ihrem Ende her lesen, von der Mastanlage her, um zu spüren, wie viel Gewalt in einem so heiteren Wort wie „Naturzweck“ schlummern kann.

Kant, der Aufklärer, bricht mit dem Naturzweck und rettet doch erstaunlich wenig. Für ihn ist allein das vernünftige Wesen Zweck an sich; das Tier, ohne Vernunft, ist Sache, und gegen Sachen kann man keine Pflichten haben. Was bleibt, sind indirekte Pflichten: Wer das Tier quält, stumpft die Regungen ab, die er für den Umgang mit Menschen braucht – Tierquälerei verroht. Der Hund, der seinem Herrn lange gedient hat, dürfe nicht einfach erschossen werden, schreibt er, nicht um des Hundes, sondern um des Menschen Menschlichkeit willen. Es ist ein merkwürdig kalter Trost: Das Tier wird geschont wie ein Übungsgerät der Tugend, sein eigenes Leiden zählt in dieser Rechnung gar nicht.

Gegen genau diese Kälte hat Schopenhauer eine seiner zornigsten Seiten geschrieben. Die kantische Auskunft, gegen Tiere gebe es keine direkten Pflichten, nennt er eine empörende Roheit des Okzidents, und er führt sie auf das biblische Erbe zurück, das den Menschen über die Schöpfung gesetzt habe. Sein Gegenentwurf gründet nicht im Verstand, sondern im Mitleid: Grundlage aller echten Moral sei das unmittelbare Teilnehmen am Leiden eines anderen – und das Tier leidet sichtbar, fühlbar, ganz wie wir. Die Grenze der Vernunft, an der Kant haltmacht, ist für Schopenhauer moralisch gleichgültig; entscheidend ist die Grenze der Leidensfähigkeit, und die verläuft quer durch die Arten hindurch. Mit ihm zieht eine Wärme in die Ethik ein, die der akademischen Strenge lange fremd war.

Den schärfsten Schnitt aber hatte schon Bentham geführt, fast nebenbei, in einer Fußnote, die berühmter wurde als manches Hauptwerk. Eines Tages, prophezeit er dort, werde man erkennen, dass die Zahl der Beine oder die Behaarung der Haut ebenso wenig über das Schicksal eines empfindenden Wesens entscheiden dürfe wie einst die Hautfarbe über das des Sklaven. Die Frage sei nicht: Können sie denken? auch nicht: Können sie sprechen? sondern allein: Können sie leiden? Mit diesem einen Satz verschob er den Maßstab vom Vermögen zur Empfindung – und legte das Fundament, auf dem ein gutes Jahrhundert später Peter Singer die moderne Tierethik errichtete. Wer das Leiden zur Münze der Moral erklärt, hat die Stufenordnung des Aristoteles lautlos gesprengt.

Und so stehen sie nebeneinander am Esstisch der Gegenwart, diese vier: der eine, der die Tiere einordnet, der zweite, der sie schont, um den Menschen zu schonen, der dritte, der mit ihnen mitleidet, der vierte, der nur noch nach dem Leiden fragt. Das kultivierte Fleisch und der pflanzliche Burger sind, philosophisch besehen, der Versuch, der Frage auszuweichen, ohne sie zu beantworten – ein Leiden, das man umgeht, statt es zu wägen. Bleibt am Ende die unbequemste aller Möglichkeiten: dass der Maßstab, wessen Leiden zählt, nicht in der Natur des Tieres liegt, sondern in unserer Bereitschaft, hinzusehen. Vielleicht ist das die eigentliche Pointe der ganzen Geschichte – dass eine Fußnote von 1789 immer noch lauter fragt, als wir zu antworten wagen.

Kernnoten der Denker

Was jeder von ihnen zu dieser Frage beizutragen hat.

Jeremy Bentham

Verschob in einer berühmten Fußnote der „Introduction to the Principles of Morals and Legislation“ (1789) den moralischen Maßstab: Nicht „Können sie denken?“ oder „Können sie sprechen?“, sondern „Können sie leiden?“ entscheidet über den moralischen Rang – damit wurde er zum Wegbereiter der modernen Tierethik (Singer).

Immanuel Kant

Tiere sind für Kant keine Zwecke an sich, sondern bloße Sachen; gegen sie gibt es nur indirekte Pflichten. Tierquälerei ist verwerflich, weil sie die für den menschlichen Umgang nötigen Regungen abstumpfen lässt – sie verroht den Menschen, nicht weil das Tier selbst zählte.

Aristoteles

Ordnet das Tier in eine Stufenordnung der Seele („scala naturae“) ein: Es empfindet und bewegt sich, aber denkt nicht und steht daher unter dem Menschen. In der „Politik“ leitet er daraus einen Naturzweck ab – die Tiere seien um des Menschen willen da.

Arthur Schopenhauer

Gründet die Moral im unmittelbaren Mitleid und greift Kants Tierverachtung scharf als „Roheit des Okzidents“ an. Da das Tier ebenso leidensfähig ist wie der Mensch, verläuft die moralische Grenze nicht an der Vernunft, sondern an der Empfindung – das Tier ist ein leidendes Wesen wie wir.

Quellen

Geprüfte Primär- und Sekundärquellen, auf die sich dieser Artikel stützt.

  • Jeremy Bentham, An Introduction to the Principles of Morals and Legislation (Eine Einfuehrung in die Prinzipien der Moral und der Gesetzgebung) (1789). Kapitel XVII, Abschnitt I, beruehmte Fussnote zum Tierwohl: nicht 'Koennen sie denken?' oder 'Koennen sie sprechen?', sondern 'Koennen sie leiden?'; Vergleich mit dem Schicksal des Sklaven (Beinzahl, Behaarung der Haut als irrelevante Kriterien). Grundlage fuer Benthams Verschiebung des Massstabs vom Vernunftvermoegen zur Leidensfaehigkeit.primär
  • Immanuel Kant, Eine Vorlesung ueber Ethik (Moralphilosophie Collins) (1924). Abschnitt 'Von den Pflichten gegen Tiere und Geister': Tiere sind kein Selbstzweck, gegen sie bestehen nur indirekte Pflichten; Tierquaelerei verroht den Menschen; das Beispiel des alten Hundes, der nach langem Dienst nicht einfach erschossen werden duerfe, nicht um des Hundes, sondern um der Menschlichkeit willen. (Vorlesungen der 1770er-Jahre, postum ediert von Paul Menzer 1924.)primär
  • Immanuel Kant, Die Metaphysik der Sitten, Tugendlehre (1797). Par. 17 der Tugendlehre: Pflichten in Ansehung der Tiere sind eigentlich indirekte Pflichten gegen die Menschheit; das vernunftlose Tier gilt als Sache, gegen die man keine direkten Pflichten haben kann. Belegt die im Bezugstext geschilderte kantische Position vom Tier ohne Eigenwert.primär
  • Arthur Schopenhauer, Ueber die Grundlage der Moral (in: Die beiden Grundprobleme der Ethik) (1840). Preisschrift, Par. 8 (Kritik an Kant) und Par. 19 (Mitleid als Grundlage): Schopenhauer nennt die kantische Auskunft, gegen Tiere gebe es keine direkten Pflichten, eine 'empoerende Rohheit und Barbarei des Okzidents', fuehrt sie auf das biblische Erbe zurueck und setzt das unmittelbare Mitleid am Leiden des anderen als Grundlage aller echten Moral dagegen. (Verfasst 1839/40, gedruckt 1841 im Sammelband.)primär
  • Aristoteles, Politik (ca. 4. Jh. v. Chr.). Buch I, Kapitel 8 (1256b): Die Pflanzen seien um der Tiere willen da, die Tiere um des Menschen willen; daraus der 'Naturzweck' und die Stufenordnung (scala naturae), auf die sich der Bezugstext stuetzt. (Seelenstufen Pflanze-Tier-Mensch zudem in 'Ueber die Seele'/De anima II.)primär
  • Peter Singer, Animal Liberation (Befreiung der Tiere) (1975). Kapitel 1 ('All Animals Are Equal'): Singer beruft sich ausdruecklich auf Benthams Leidens-Fussnote und macht die Leidensfaehigkeit (sentience) zum Kriterium des moralischen Beruecksichtigungswerts; pragt den Vorwurf des 'Speziesismus'. Belegt die im Text genannte Linie von Benthams Fussnote zur modernen Tierethik.sekundär