Essenz vs. Sprachgebrauch
Gibt es eine vegetarische Wurst?
Ein Alltagsbegriff wird zum Prüfstein zweier Philosophien: Hat „Wurst“ ein Wesen, das man verfehlen kann – oder ist Bedeutung nichts als Gebrauch? Aristoteles und Wittgenstein streiten vor dem Kühlregal.
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Aristoteles
Jedes Ding ist, was es ist, durch seine Form, verwirklicht im geeigneten Stoff. Eine Wurst ist Fleisch, in eine Hülle gefasst, zur Nahrung bestimmt. Nimmst du den Stoff – das Fleisch – hinweg, so fehlt die Materialursache. „Vegetarische Wurst“ ist dann kein Ding, sondern ein Widerspruch: eine Wurst ohne das, was Wurst-sein ausmacht.

Ludwig Wittgenstein
Du suchst ein Wesen, wo keines ist. Frag nicht nach der Bedeutung, frag nach dem Gebrauch. „Wurst“ ist wie „Spiel“: Es gibt nicht das eine Merkmal, das allen gemeinsam ist, sondern ein Netz von Ähnlichkeiten – Form, Hülle, Würze, das Brötchen, der Grill. Familienähnlichkeiten, kein verborgener Kern.

Aristoteles
Doch ein Bild von etwas ist nicht die Sache selbst. Eine gemalte Traube nährt nicht. Die vegetarische „Wurst“ ahmt die Form nach – Gestalt, Würze, Zweck als Beilage –, doch sie ist Nachahmung (mímēsis), nicht Erfüllung. Die Zweckursache trifft sie, die Materialursache verfehlt sie.

Ludwig Wittgenstein
Aber wer entscheidet über den „Kern“? Niemand zeigt ihn vor. Wenn die Leute das Ding kaufen, braten, in Senf tunken und „gib mir eine Wurst“ sagen – dann spielt es seine Rolle im Sprachspiel vollständig. Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache; und dieser Gebrauch ist längst etabliert.

Aristoteles
So würde jede Gewohnheit zur Definition. Nennen die Leute den Wal einen Fisch, ist er dann einer? Der Gebrauch kann irren. Es gibt eine Natur der Dinge, an der sich die Rede messen lässt – sonst verlöre „Wurst“ jede Grenze und damit jeden Sinn.

Ludwig Wittgenstein
Die Grenze ziehst du selbst – je nach Zweck. „Vegetarische Wurst“ hat ja eine Grenze: Sie sagt zugleich, was sie ist und was sie nicht ist. Das Adjektiv klärt den Gebrauch, statt ihn zu sprengen. Verhexung des Verstandes entsteht erst, wenn man hinter dem Wort ein metaphysisches Ding sucht.

Aristoteles
Dann gestehe wenigstens dies: Die „vegetarische Wurst“ lebt von der echten. Ohne die Form der Fleischwurst, die sie nachbildet, wäre sie nicht verständlich. Sie ist ein abgeleiteter, kein ursprünglicher Begriff – ein Sein „in Bezug auf“, nicht ein Sein schlechthin.

Ludwig Wittgenstein
Einverstanden – und genau so funktioniert Sprache: durch Anknüpfen, Übertragen, Ähnlichwerden. Kein Wort fällt vom Himmel mit seinem Wesen. Dass „Wurst“ sich auf Neues ausdehnt, ist kein Fehler, sondern das Leben der Sprache selbst.
Fazit
Der Streit ist im Kleinen der große zwischen Essentialismus und Ordinary-Language-Philosophie. Praktisch hat der Gebrauch gesiegt: „vegetarische Wurst“ steht im Regal – auch wenn Gerichte und Gesetzgeber bis heute über das Etikett streiten. Aristoteles fragt, was eine Wurst ist; Wittgenstein, wie wir das Wort gebrauchen. Beide Fragen bleiben.