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Substanz, Gott und das Leib-Seele-Verhältnis

Eine Substanz oder zwei?

Descartes hatte in den Meditationen Denken und Ausdehnung als zwei wesensverschiedene Substanzen getrennt und Gott als ihren Schöpfer eingesetzt. Spinoza, der zunächst aus der cartesischen Schule kam, radikalisierte den Substanzbegriff in der Ethica bis zu dem Punkt, an dem nur noch eine einzige Substanz übrigblieb: Gott bzw. die Natur. Hier prallen die beiden Denkweisen aufeinander.

🔊 Anhören — als Streitgespräch mit zwei Stimmen

René Descartes

René Descartes

Ich gehe vom Zweifel aus, der mir nur eines lässt: solange ich denke, bin ich. Das Ich bin eine denkende Sache, eine res cogitans, deren ganzes Wesen im Denken besteht und die keiner Ausdehnung bedarf. Der Körper hingegen ist res extensa, reine Ausdehnung in Länge, Breite und Tiefe. Das sind zwei klar und deutlich unterschiedene Substanzen, denn ich kann das eine ohne das andere klar begreifen. Substanz nenne ich dabei das, was so existiert, dass es zu seinem Dasein keines anderen Dinges bedarf.

Baruch de Spinoza

Baruch de Spinoza

Eben Ihre eigene Definition schlägt zurück, René. Wenn Substanz das ist, was zu seinem Dasein nichts anderes braucht, dann kann es davon nur eine geben, die diesen Namen im strengen Sinn verdient. Denn Ihr endliches Denken wie Ihre endliche Ausdehnung bedürfen Gottes, um zu sein und erhalten zu werden, das gestehen Sie selbst zu. Was aber eines anderen bedarf, um zu existieren, ist nicht Substanz, sondern Modus. Eine Substanz, deren Wesen die Existenz einschließt und die durch sich selbst und in sich selbst ist, das ist allein Gott, die unendliche Substanz.

René Descartes

René Descartes

Sie verwechseln zwei Grade des Wortes. Im strengsten Sinn trifft Substanz nur auf Gott zu, das räume ich in den Prinzipien ein. Aber geschaffene Dinge bedürfen zu ihrem Sein nur des göttlichen Beistands und keines anderen Geschöpfs, und in diesem Sinn sind Geist und Körper sehr wohl Substanzen. Wollten Sie alles zu einem einzigen Ding verschmelzen, so machten Sie Gott zum ausgedehnten Körper, der teilbar wäre und Stöße empfinge. Einen ausgedehnten, teilbaren Gott aber kann ich nicht denken, ohne seine Vollkommenheit zu verletzen.

Baruch de Spinoza

Baruch de Spinoza

Hier irren Sie, weil Sie die Ausdehnung mit der Materie der Vorstellung verwechseln. Ausdehnung und Denken sind nicht zwei Substanzen, sondern zwei Attribute der einen Substanz, zwei Weisen, wie der unendliche Verstand ihr Wesen erfasst. Deus sive Natura, Gott oder die Natur, drückt sich durch unendlich viele Attribute aus, von denen wir nur diese beiden kennen. Die ausgedehnte Substanz ist als Substanz nicht teilbar, geteilt erscheint sie nur in ihren Modi. So ist Gott ausgedehnt, ohne deshalb körperlich, leidend oder zerstückelbar zu sein.

René Descartes

René Descartes

Gut, doch dann gerät Ihnen die Freiheit unter die Räder. Wenn alles ein notwendiges Folgen aus der göttlichen Natur ist, wie die Eigenschaften des Dreiecks aus seinem Wesen folgen, dann gibt es keinen freien Willen mehr, weder in Gott noch im Menschen. Ich aber erfahre meinen Willen als so frei und unbegrenzt, dass ich gerade darin das Bild Gottes in mir erkenne. Gott hat die Welt durch freien Ratschluss geschaffen und hätte auch anders schaffen können. Ihre Geometrie der Notwendigkeit erstickt jede Wahl.

Baruch de Spinoza

Baruch de Spinoza

Was Sie freien Willen nennen, ist nur Unwissenheit über die Ursachen, die uns bestimmen. Der Stein, flöge er und wäre seiner bewusst, glaubte gleichfalls, er fliege aus freiem Entschluss. In Gott gibt es keinen Willen, der zwischen Möglichkeiten wählt, denn Gott handelt allein aus der Notwendigkeit seiner Natur, und nichts wäre vollkommener, wenn es zufällig wäre. Wahre Freiheit ist nicht Willkür, sondern Handeln aus der eigenen Natur, also Einsicht in die Notwendigkeit. Wer die Ordnung der Ursachen erkennt, wird frei, gerade weil er nicht mehr wähnt, anders zu können.

René Descartes

René Descartes

Bleiben wir beim Menschen, denn dort entscheidet sich alles. Ich gebe zu, dass Geist und Körper innig verbunden sind, ich bin nicht nur in meinem Leib wie ein Schiffer im Schiff, sondern aufs engste mit ihm vermischt. In der Zirbeldrüse berühren und bewegen sich beide wechselseitig. Aber es bleiben zwei Substanzen in Wechselwirkung. Wie sonst erklärten Sie, dass mein Wille den Arm hebt und ein Nadelstich meine Seele schmerzt?

Baruch de Spinoza

Baruch de Spinoza

Gerade jene Drüse ist Ihre verborgene Verlegenheit, René, und ich halte sie für die schwächste Hypothese der ganzen Philosophie. Wie soll das Unausgedehnte das Ausgedehnte stoßen, ohne selbst Ort und Bewegung zu haben? Es gibt keine solche Brücke, weil es keine Kluft gibt. Geist und Körper sind ein und dasselbe Ding, einmal unter dem Attribut des Denkens, einmal unter dem der Ausdehnung begriffen. Die Ordnung der Ideen ist dieselbe wie die Ordnung der Dinge. Der Geist ist die Idee des Körpers, und darum bedarf es keiner Einwirkung des einen aufs andere, sondern nur der Einsicht in ihre Einheit.

Fazit

Historisch hat Spinoza seine Position erst nach Descartes' Tod in der posthum erschienenen Ethica voll entfaltet, sodass dieses Streitgespräch ein Gedankenexperiment bleibt. Descartes' Dualismus blieb das beherrschende Modell und provozierte die Suche nach einer Lösung des Interaktionsproblems, während Spinozas Ein-Substanz-Lehre lange als Atheismus geächtet, im deutschen Idealismus und darüber hinaus aber als kühnster Monismus wiederentdeckt wurde.