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Die Davoser Disputation – Deutung Kants

Davos 1929: Endlichkeit oder Freiheit?

Bei den Davoser Hochschulkursen 1929 trafen der etablierte Neukantianer Ernst Cassirer und der junge Martin Heidegger aufeinander – mit Hannah Arendt, Emmanuel Levinas und Rudolf Carnap im Publikum. Schlachtfeld war die Deutung Kants: Ist der Mensch das freie Kulturwesen, das sich zum Unendlichen erhebt – oder das endliche, geworfene Dasein? Die Begegnung wurde zum Symbol für die Spaltung der Philosophie des Jahrhunderts.

🔊 Anhören — als Streitgespräch mit zwei Stimmen

Ernst Cassirer

Ernst Cassirer

Kant ist der Philosoph der Vernunft und der Freiheit. Der Mensch ist endlich, gewiss – doch in den symbolischen Formen, in Sprache, Sittlichkeit und Wissenschaft, übersteigt er seine Endlichkeit. Er nimmt teil am Allgemeinen, am Reich der Werte. Darin liegt seine Befreiung: im Aufstieg aus der bloßen Natur in die Welt der Kultur.

M

Martin Heidegger

Sie machen aus Kant einen Erkenntnistheoretiker der Kultur. Doch die „Kritik der reinen Vernunft“ ist eine Grundlegung der Metaphysik – und ihr Grund ist die Endlichkeit. Die Einbildungskraft, die Zeit, die Geworfenheit: Das Dasein ist nicht ein Wesen, das ins Unendliche aufsteigt, sondern eines, dem es um sein endliches Sein selbst geht.

Ernst Cassirer

Ernst Cassirer

Aber gerade die Mathematik, die Ethik, die Kunst zeigen einen Durchbruch zur Unendlichkeit. Im Sittengesetz erfährt der endliche Mensch ein Unbedingtes. Wollen Sie ihn in seine Angst zurücksperren und ihm die Sphäre der Freiheit nehmen, die ihn überhaupt erst zum Menschen macht?

M

Martin Heidegger

Die Freiheit liegt nicht im Entfliehen, sondern im Standhalten. Nicht die beruhigende Kultur befreit, sondern die Angst, die das Dasein vor sein eigenes Nichts und seine Möglichkeiten bringt. Philosophie soll den Menschen nicht in die Bequemlichkeit der Werke entlassen, sondern in die Härte seines Schicksals zurückwerfen.

Ernst Cassirer

Ernst Cassirer

Doch was uns verbindet, ist eben jene gemeinsame Welt der Bedeutungen, die kein Einzelner erschafft und in der wir uns verständigen. Ohne sie versänke jedes Dasein in seine Vereinzelung. Die symbolische Form ist die Brücke zwischen den endlichen Existenzen.

M

Martin Heidegger

Eine Brücke, die das Eigentliche überdeckt. Das Man, die gemeinsame Ausgelegtheit, verdeckt gerade die Jemeinigkeit des Daseins. Wir verstehen uns alltäglich – und verfehlen darin meist, dass jeder seinen Tod allein zu sterben hat.

Ernst Cassirer

Ernst Cassirer

So bleibt es ein Streit um den Menschen selbst: ob wir ihn von seiner Begrenzung her denken oder von dem, was er schaffend übersteigt. Ich fürchte, hier scheiden sich nicht nur zwei Lehren, sondern zwei Welten.

M

Martin Heidegger

Darin stimme ich zu. Und vielleicht ist es die Aufgabe, diesen Streit nicht zu glätten, sondern auszuhalten. Doch wir sollten ihn führen aus der Frage nach dem Sein – nicht aus dem Trost der Kultur.

Fazit

Davos 1929 markiert die Trennung der kontinentalen Existenzphilosophie von der neukantianisch-humanistischen Kulturphilosophie. Heideggers „Endlichkeit“ siegte rhetorisch bei der Jugend; Cassirer verteidigte Vernunft und Kultur – und musste 1933 emigrieren, während Heidegger Rektor wurde. Der Davoser Graben durchzieht die Philosophie bis heute.