Was Lukas in seiner Macht hat
Eine Geschichte über das, was uns niemand nehmen kann
Dieses Buch erzählt von einem Jungen, dem etwas wirklich Ungerechtes geschieht – und es nimmt dieses Unrecht ernst. Lukas wird aus seiner Mannschaft geworfen, ohne dass er etwas falsch gemacht hätte, und sein Zorn ist berechtigt. Bitte spielen Sie ihn nicht herunter. Die Geschichte will dem Kind nicht beibringen, brav zu lächeln und alles hinzunehmen. Sie will etwas Schwereres und Befreienderes: dass Lukas mitten im Unrecht entdeckt, was ihm wirklich gehört – auch dann, wenn das Äußere nicht in seiner Hand liegt. Der Satz, der ihn verwandelt, stammt von einem Mann, der vor langer Zeit lebte und der selbst einem anderen Menschen gehörte – und der dennoch schrieb, dass ihm sein Innerstes niemand nehmen konnte. Die Geschichte ist frei nach seinen Gedanken erfunden; auch die Worte, die ihm im Buch in den Mund gelegt werden, und der Satz, den Lukas im Büchlein liest, sind nachempfunden, kein wörtliches Zitat.
Die sich öffnende Faust am Ende ist kein Verzeihen und kein Aufgeben – sie ist der Anfang einer Einsicht: dass manches uns gehört und manches nicht, und dass wir frei werden, sobald wir den Unterschied kennen. Widerstehen Sie darum beim Vorlesen der Versuchung, am Schluss zu sagen: „Siehst du, jetzt ist alles gut.” Der Trainer bleibt ungerecht, Lukas ist noch immer nicht in der Mannschaft; was sich ändert, ist nicht die Welt, sondern wo Lukas seine Kraft hineinlegt. Etwas hinzunehmen, das man gerade nicht ändern kann, ist dabei nicht dasselbe, wie es gutzuheißen. Lesen Sie langsam, vor allem an den stillen Stellen. Und wenn Ihr Kind am Ende fragt, ob das nicht doch Aufgeben sei, dann ist das die beste aller Fragen – und nicht Sie müssen sie beantworten, sondern Sie dürfen mit ihm darüber nachdenken. Der ausführliche Begleitteil „Zum Weiterdenken” richtet sich an die Erwachsenen.
Zum Durchblättern















Wenn dir das nächste Mal etwas wirklich Unfaires passiert: Fühlt es sich für dich wie Aufgeben an, nur das zu tun, was in deiner Hand liegt – oder ist es etwas ganz anderes?
Zum Weiterdenken
Didaktische Idee
Die Geschichte führt spielerisch an die stoische Grundunterscheidung heran: Manches steht in unserer Macht (unsere Urteile, Absichten, Reaktionen, unser Charakter), das meiste andere nicht (was andere tun, entscheiden, von uns halten). Nicht das Unrecht wird kleingeredet – sondern die Frage gestellt, wohin Lukas seine begrenzte Kraft legt. Wichtig: Die Einsicht kommt nicht als Erleuchtung, sondern gegen Lukas' eigenen Widerstand und bleibt am Ende unvollständig und suchend. Die geöffnete Faust ist der Beginn einer Erkenntnis, keine Versöhnung mit dem Unrecht.
Philosophischer Kern
Frei nach Epiktets Encheiridion: Die Unterscheidung von eph hemin (was in unserer Macht steht) und ouk eph hemin (was nicht). Wer beides verwechselt, wird unfrei und unglücklich; wer es trennt, gewinnt eine Freiheit, die selbst unter Zwang Bestand hat. Wichtig: Das ist Erkenntnis und Selbststand, nicht bloße Entspannung oder Resignation – und Hinnehmen einer Tatsache ist nicht dasselbe wie ihr Gutheißen. Epiktet beginnt nicht mit einer sanften Frage, sondern mit einer schroffen Behauptung; darum ist der Satz im Büchlein als Behauptung formuliert, nicht als Ratgeber-Frage – und ausdrücklich als sinngemäße Übertragung markiert, kein wörtliches Zitat.
Die fünf Maßstäbe — eine Landkarte
| Maßstab | Figur | Kernanspruch | Aus dem Alltag | Denktradition |
|---|---|---|---|---|
| Was steht in meiner Macht? | Epiktet (Stoa) | Nur die eigenen Urteile, Absichten und Reaktionen; alles Äußere nicht – darum dort die Freiheit suchen. | Lukas kann den Trainer nicht ändern, wohl aber, wie er sich verhält und ob er weiter übt. | Stoizismus, antike Ethik der Selbstbeherrschung. |
| Gegenposition: Ist Hinnehmen gleich Gutheißen? | Politische Philosophie (u. a. John Rawls) | Nein: Unrecht bleibt Unrecht; gegen ungerechte Strukturen muss man handeln, nicht nur die eigene Haltung ändern. (Dies ist ausdrücklich eine Gegenposition, keine Denkerfigur der Geschichte.) | Der Trainer wird nicht entschuldigt; sein Schulterzucken bleibt Unrecht. | Gerechtigkeitstheorie, Ethik des Widerstands und Engagements. |
| Kann man unter Zwang innerlich frei sein? | Der versklavte Schreiber (Epiktet selbst) | Das Innerste – Denken und Haltung – ist auch dem nicht entreißbar, der äußerlich gebunden ist. Das hebt das Unrecht der Versklavung nicht auf, sondern setzt es voraus. | Der Mann im Büchlein gehörte einem anderen und behielt doch seine Würde. | Stoische Freiheitslehre; Wirkung bis Viktor Frankl. |
| Wo endet Loslassen, wo beginnt Aufgeben? | Die offene Faust | Loslassen heißt, Kraft nicht ins Unänderbare zu verschwenden, sondern ins Eigene – nicht zu kapitulieren. Die Grenze bleibt offen und ist selbst zu erstreiten. | Lukas übt weiter „für sich”, statt sich der Ohnmacht zu überlassen – und ist dabei weiter wütend. | Praktische Ethik, Resilienzdenken. |
Leitfragen für das Gespräch
Zum Einstieg
- Was ist Lukas passiert – und warum empfindet er es als ungerecht?
- Was wollte Lukas zuerst, dass die Welt tut?
- Welcher eine Satz im Büchlein verändert für ihn etwas – und warum tut der Satz beinahe weh?
Zum Vertiefen
- Was genau lag in Lukas' Hand und was nicht? Sortiert es gemeinsam – und achtet darauf, dass die Liste, die Lukas selbst findet, unvollständig bleibt. Warum lässt die Geschichte sie unvollständig?
- Warum ist es gerade ein unfreier Mensch, der schreibt, ihm könne niemand das Innerste nehmen? Was sagt das aus?
- Lukas sagt zuerst: ‚Das fühlt sich an wie Aufgeben.' Der Text widerspricht dem nicht sofort, sondern lässt Lukas selbst weitersuchen. Wer hat recht – und wodurch unterscheidet sich Loslassen vom Aufgeben?
- Opa lässt zuerst Lukas' Wut gelten (‚Ja. Das war nicht gerecht.') und stellt dann nur eine einzige Frage und schweigt. Warum gibt er Lukas nicht gleich die ganze Antwort? Was wäre verloren gegangen?
Zum Streiten (ältere)
- Ist es nicht bequem, einfach die eigene Haltung zu ändern, statt das Unrecht zu bekämpfen? Wann ist das feige, wann weise?
- Gibt es Unrecht, gegen das man kämpfen MUSS, statt nur die eigene Haltung zu ändern? Woran erkennt man den Unterschied?
- Heißt ‚etwas hinnehmen, das ich nicht ändern kann' dasselbe wie ‚es gutheißen'? Wo verläuft die Grenze?
- Kann man wirklich frei sein, während ein anderer über einen bestimmt – oder ist das nur ein Trost?
- Kann man gleichzeitig wütend sein und loslassen, oder schließt das eine das andere aus?
Gestaffelte Aufgaben
Leicht — Male oder schreibe Lukas' Hand: Auf die offene Seite kommt, was in seiner Macht steht; daneben, was nicht. Mindestens drei Dinge pro Seite.
Mittel — Nimm eine eigene unfaire Erfahrung und schreibe einen kurzen Text in zwei Spalten: „lag in meiner Hand / lag nicht in meiner Hand”. Schreibe einen Satz dazu, was du beim Sortieren gemerkt hast – und einen zweiten dazu, ob ‚lag nicht in meiner Hand' wirklich heißt, dass du schuld warst.
Bonus — Schreibe einen kurzen Dialog, in dem zwei Figuren streiten: Eine sagt, man solle nur die eigene Haltung ändern; die andere sagt, man müsse gegen das Unrecht kämpfen. Lass keine der beiden einfach gewinnen.
Fächerübergreifende Anbindung
- Ethik / Philosophie: Stoische Unterscheidung von Eigenem und Fremdem; innere Freiheit; Grenze von Hinnehmen und Gutheißen.
- Religion / Werte und Normen: Umgang mit erlittenem Unrecht; Würde unabhängig von Umständen.
- Deutsch: Parabel mit offener Schlussfrage; Figurenrede und innere Wandlung beschreiben; eine Behauptung statt einer Ratgeberfrage als Schlüsselsatz.
- Sozialkunde: Wann ändert man die eigene Haltung, wann muss man Strukturen ändern? Gerechtigkeit und Widerstand.
- Sport: Fairness, Auswahlentscheidungen, Umgang mit Bankzeit und Enttäuschung.
Hintergrund für Lehrende
Epiktet
Epiktet (ca. 50–135 n. Chr.) wurde als Sklave geboren und lehrte nach seiner Freilassung als einer der einflussreichsten stoischen Philosophen. Selbst schrieb er nichts; sein Schüler Arrian hielt seine Lehre im „Encheiridion” (Handbüchlein) fest. Dessen erster Satz trifft den Kern der Geschichte: Manches steht in unserer Macht (eph hemin) – unsere Urteile, Absichten, Reaktionen –, anderes nicht – Besitz, Ansehen, was andere tun. Unglück entsteht, wo wir beides verwechseln und nach dem greifen, was uns nie gehören kann. Wichtig: Epiktet beginnt nicht mit einer sanften Frage, sondern mit einer schroffen Behauptung – darum ist der Satz im Büchlein als Behauptung formuliert („Manches liegt in deiner Hand. Manches nicht. Wer das verwechselt, wird nie ruhig.”), nicht als Ratgeber-Frage, und Lukas spürt die Schärfe selbst. Epiktet verlangt Erkenntnis und Selbststand, nicht bloße Beruhigung. Die innere Freiheit, die er meint, ist die des Menschen, der weiß, was wirklich sein ist – nicht die Resignation dessen, der das Unrecht gutheißt. Sein Gedanke wirkte bis in die Gegenwart, etwa bei Viktor Frankl, der unter äußerstem Zwang an der „letzten Freiheit” festhielt, die eigene Haltung zu wählen. Hinweis zur Redlichkeit: Sowohl der Satz, den Lukas im Büchlein liest, als auch die Worte, die Opa später vorliest und zitiert, sind Nachempfindung, kein wörtliches Zitat aus dem Encheiridion; im Text ist das durch die Wendungen „ein alter Satz, sinngemäß ins Heutige übertragen” (Lukas' Lesart) und „Er schrieb es sinngemäß so” (Opas Paraphrase) jeweils ausgewiesen.
Der Einwand
Der stärkste Einwand gegen Epiktet, den auch dieses Buch offenhält: Wer nur die eigene Haltung ändert, riskiert, sich mit Unrecht abzufinden, das man bekämpfen sollte. Eine rein innere Freiheit kann zur Ausrede werden, ungerechte Strukturen unangetastet zu lassen. Die ehrliche Lesart trennt deshalb scharf: Eine Tatsache anzuerkennen, die man gerade nicht ändern kann, ist nicht dasselbe wie sie für gut zu erklären. Lukas heißt das Unrecht nicht gut – er hört nur auf, seine Kraft an etwas zu verschwenden, das nicht in seiner Hand liegt, und gewinnt sie zurück für das, was wirklich seins ist; dabei bleibt er ausdrücklich wütend. Die politische Philosophie (etwa bei John Rawls) erinnert daran, dass Gerechtigkeit Strukturen betrifft, nicht nur Gesinnung – stoische Selbstbeherrschung und Engagement gegen Unrecht schließen einander nicht aus, sondern müssen unterschieden werden. Genau diese Grenze – wann tragen, wann kämpfen? – lässt das Buch bewusst offen und gibt sie als Frage an die Lesenden weiter, statt sie für das Kind zu entscheiden.