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thauma. junior · Freiheit & Selbstbestimmung · Vorlesen ab ca. 7, Selbstlesen ab 9; Begleitmaterial Mittel-/Oberstufe.

Was Lukas in seiner Macht hat

Eine Geschichte über das, was uns niemand nehmen kann

Dieses Buch erzählt von einem Jungen, dem etwas wirklich Ungerechtes geschieht – und es nimmt dieses Unrecht ernst. Lukas wird aus seiner Mannschaft geworfen, ohne dass er etwas falsch gemacht hätte, und sein Zorn ist berechtigt. Bitte spielen Sie ihn nicht herunter. Die Geschichte will dem Kind nicht beibringen, brav zu lächeln und alles hinzunehmen. Sie will etwas Schwereres und Befreienderes: dass Lukas mitten im Unrecht entdeckt, was ihm wirklich gehört – auch dann, wenn das Äußere nicht in seiner Hand liegt. Der Satz, der ihn verwandelt, stammt von einem Mann, der vor langer Zeit lebte und der selbst einem anderen Menschen gehörte – und der dennoch schrieb, dass ihm sein Innerstes niemand nehmen konnte. Die Geschichte ist frei nach seinen Gedanken erfunden; auch die Worte, die ihm im Buch in den Mund gelegt werden, und der Satz, den Lukas im Büchlein liest, sind nachempfunden, kein wörtliches Zitat.

Die sich öffnende Faust am Ende ist kein Verzeihen und kein Aufgeben – sie ist der Anfang einer Einsicht: dass manches uns gehört und manches nicht, und dass wir frei werden, sobald wir den Unterschied kennen. Widerstehen Sie darum beim Vorlesen der Versuchung, am Schluss zu sagen: „Siehst du, jetzt ist alles gut.” Der Trainer bleibt ungerecht, Lukas ist noch immer nicht in der Mannschaft; was sich ändert, ist nicht die Welt, sondern wo Lukas seine Kraft hineinlegt. Etwas hinzunehmen, das man gerade nicht ändern kann, ist dabei nicht dasselbe, wie es gutzuheißen. Lesen Sie langsam, vor allem an den stillen Stellen. Und wenn Ihr Kind am Ende fragt, ob das nicht doch Aufgeben sei, dann ist das die beste aller Fragen – und nicht Sie müssen sie beantworten, sondern Sie dürfen mit ihm darüber nachdenken. Der ausführliche Begleitteil „Zum Weiterdenken” richtet sich an die Erwachsenen.

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Alle 15 Doppelseiten – Bild und Vers.

Querformat 3:2; atmosphärisches Aquarell und Tinte, lockere Federlinie, sichtbare Pinselspuren, feines Papierkorn, körnig und handgemalt; gedämpfte warme Erdtöne, niedrige Sättigung mit EINEM einzigen gesättigten Akzent: Lukas' senfgelbe Jacke, sonst keine zweite kräftige Farbe. Figuren-Anker Lukas: schmaler Junge, etwa zehn, kurzes dunkelblondes Haar, ernstes Gesicht mit wenigen Linien, KEINE Kulleraugen. Titelbild: Lukas steht allein am Rand eines staubigen Bolzplatzes in der senfgelben Jacke, einen Fußball unter dem Fuß, der Blick nach innen gekehrt. Langes Abendlicht, eine einzelne Pappel. Seelenvoll, ruhig, kein Disney-Glanz, kein Vektor-/3D-/Render-Look.
Was Lukas in seiner Macht hat Eine Geschichte über das, was uns niemand nehmen kann E I N B I L D E R B U C H · M I T P H I L O S O P H I S C H E M B E G L E I T M A T E R I A L
Querformat 3:2; Aquarell und Tinte, lockere Federlinie, sichtbare Pinselspuren, Papierkorn, körnig; warme Erdtöne, niedrige Sättigung, EIN Akzent: die senfgelbe Jacke. Lukas-Anker: schmaler Junge, zehn, kurzes dunkelblondes Haar, wenige Linien, ernst, keine Kulleraugen. Szene: Lukas rennt voller Freude über den Bolzplatz, andere Kinder als unscharfe Bewegung dahinter, der Ball klebt an seinem Fuß. Staub im Gegenlicht. Bewegung, Glück, lockere Tuschelinien.
Lukas liebte Fußball mehr als fast alles auf der Welt. Er war nicht der Größte und nicht der Schnellste, aber wenn er den Ball am Fuß hatte, vergaß er die Zeit. Jeden Dienstag und jeden Freitag trainierte er mit seiner Mannschaft, und wenn er abends nach Hause kam, mit Gras an den Knien und Staub im Haar, dann war er müde und glücklich zugleich.
Querformat 3:2; Aquarell und Tinte, Federlinie, Pinselspuren, Papierkorn; gedämpfte Erdtöne, EIN Akzent senfgelbe Jacke. Lukas-Anker wie zuvor. Szene: Lukas steht still auf dem Platz, an einem Maschendrahtzaun lehnend; der Trainer (erwachsener Mann, Mütze, Klemmbrett) wendet sich gerade ab, das Gesicht halb abgewandt, unnahbar. Andere Kinder traben weg. Kühleres, fahles Licht, lange Schatten. Stimmung kippt.
An einem Freitag aber stellte der Trainer die neue Aufstellung vor. Er las die Namen vor, einen nach dem anderen. Lukas wartete auf seinen. Er wartete und wartete. Doch sein Name kam nicht. Stattdessen standen dort die Namen von zwei Jungen, deren Vater dem Verein neue Trikots geschenkt hatte. Lukas spürte, wie ihm das Blut ins Gesicht stieg.
Querformat 3:2; Aquarell und Tinte, lockere Federlinie, Pinselspuren, Papierkorn; gedämpfte Erdtöne, Akzent senfgelbe Jacke. Lukas-Anker. Szene: Nahaufnahme von Lukas, der zum Trainer aufschaut; seine Hände zu Fäusten geballt, der Mund schmal. Der Trainer im Hintergrund zuckt mit den Schultern, das Gesicht halb abgewandt. Roher, ehrlicher Moment, kein Drama-Glanz, nur Tusche und Schatten.
„Aber warum ich?”, fragte Lukas, und seine Stimme zitterte. „Ich war doch bei jedem Training. Ich habe nichts falsch gemacht.” Der Trainer zuckte nur mit den Schultern. „So ist das eben”, sagte er und sah ihn nicht einmal richtig an. Lukas suchte in sich nach dem Fehler, den er gemacht hatte. Aber er fand keinen. Es gab keinen. Und das, dachte Lukas, war das Schlimmste von allem: dass es nicht an ihm lag und trotzdem geschah.
Querformat 3:2; Aquarell und Tinte, Federlinie, Pinselspuren, Papierkorn; dunklere gedämpfte Erdtöne, Nachtblau, Akzent senfgelbe Jacke. Lukas-Anker. Szene: Lukas geht allein im Dunkeln nach Hause, die Jacke hochgezogen, der Ball unter dem Arm fest an die Brust gedrückt, die Schultern hochgezogen. Eine Straßenlaterne wirft einen warmen Kegel; sein Schatten ist lang. Viel ruhiger Bildraum unten und rechts, damit der letzte, allein stehende Satz Platz hat. Einsamkeit, aber Würde.
Auf dem Heimweg kochte es in ihm. Sein Magen war hart wie ein Stein, und seine Kiefer taten weh, so fest hatte er die Zähne aufeinandergepresst. Er drückte den Ball an die Brust, bis die Arme schmerzten, und ging schneller, immer schneller, als könne er der Wut davonlaufen. Immer wieder stellte er sich vor, wie alle endlich merkten, wie unfair das war. Wie der Trainer sich entschuldigte. Wie die ganze Welt sich umdrehte und sagte: Lukas hat recht. Aber so sehr er es sich auch wünschte – nichts davon geschah.
Querformat 3:2; Aquarell und Tinte, lockere Federlinie, sichtbare Pinselspuren, Papierkorn; warme, gedämpfte Innenraum-Erdtöne, Lampenlicht, Akzent senfgelbe Jacke (über eine Stuhllehne geworfen). Lukas-Anker. Opa-Anker: alter Mann, weißes Haar, GRAUE STRICKJACKE, dünne DRAHTBRILLE, große breite Hände, an einer ein schmaler Ehering. Szene: Eine kleine, gemütliche Wohnstube; Lukas sitzt verkrochen in einem großen Sessel, die Arme verschränkt, finsterer Blick. Opa beugt sich leicht zu ihm, sieht ihn an, eine Teetasse dampft. Wärme trotz Wut; das Bezeugen, nicht das Trösten.
Am Wochenende war Lukas bei seinem Opa. Er erzählte alles, mit rotem Kopf und schnellen Worten, und am Ende rief er: „Das ist so ungerecht! Irgendjemand muss das doch in Ordnung bringen!” Opa sagte nicht, dass es schon nicht so schlimm sei. Er sagte nicht, Lukas solle sich beruhigen. Er sah ihn nur an und sagte ruhig: „Ja. Das war nicht gerecht.” Eine ganze Weile schwiegen beide. Dann stand Opa auf und ging zum Regal.
Querformat 3:2; Aquarell und Tinte, Federlinie, Pinselspuren, Papierkorn; warme Lampenlicht-Erdtöne, Akzent senfgelbe Jacke nur klein am Bildrand. Opa-Anker: graue Strickjacke (hier am Ärmel sichtbar), Drahtbrille gespiegelt im Licht, breite Hand, schmaler Ehering. Szene: EXTREME NAHSICHT auf das Regal und Opas Hand – die große, vom Arbeiten breite Hand mit dem schmalen Ehering zieht ein sehr kleines, abgegriffenes Büchlein mit Eselsohren zwischen anderen Büchern hervor. Der Raum versinkt im Unschärfe-Dunkel, nur das Büchlein und die Hand im Licht. Das Büchlein im Fokus, ein einziges Objekt, viel Stille drumherum.
Vom obersten Brett holte er ein winziges, uraltes Büchlein hervor, so zerlesen, dass die Ecken weich geworden waren. Er legte es vor Lukas hin, als wäre es schwerer, als es aussah. „Such dir nicht alles”, sagte Opa. „Such dir einen Satz. Manchmal reicht ein einziger.”
Querformat 3:2; Aquarell und Tinte, lockere Federlinie, Pinselspuren, Papierkorn; gedämpfte Erdtöne, ein warmer Lichtkegel, Akzent senfgelbe Jacke. Lukas-Anker. Szene: Lukas beugt sich tief über das aufgeschlagene Büchlein, die Stirn gerunzelt, der Finger auf einer Zeile. Das Licht fällt nur auf die Seite und sein Gesicht. Alles andere versinkt im warmen Dunkel. Konzentration, ein Innehalten.
Lukas blätterte erst lustlos. Die Buchstaben waren altmodisch und eng, und er klappte das Büchlein schon wieder zu. Dann, fast gegen seinen Willen, schlug er es noch einmal auf – und an einer Zeile blieb sein Finger hängen. Es war ein alter Satz, sinngemäß ins Heutige übertragen, und er klang nicht wie Trost, sondern hart und einfach: Manches liegt in deiner Hand. Manches nicht. Wer das verwechselt, wird nie ruhig. In Lukas' Brust zog sich etwas zusammen, ohne dass er hätte sagen können, warum.
Querformat 3:2; Aquarell und Tinte, Federlinie, Pinselspuren, Papierkorn; gedämpfte Erdtöne, Akzent senfgelbe Jacke. Lukas-Anker und Opa-Anker (graue Strickjacke, Drahtbrille, breite Hände, Ehering). Szene: TOTALE – beide im Raum, Lukas im Sessel mit dem Büchlein, Opa ihm schräg gegenüber, dazwischen ein weiter, fast leerer Raum, in dem die Frage hängt. Warmes Lampenlicht, weite Einstellung, das Schweigen sichtbar gemacht. Dies ist die weite Einstellung – die Hand-Nahsicht kommt erst auf der nächsten Seite.
Lukas sah auf, und es klang fast wütend. „Das fühlt sich an wie Aufgeben”, sagte er. „Soll ich einfach so tun, als wäre alles in Ordnung?” Opa schüttelte nicht den Kopf. Er sagte nicht, dass das falsch sei. Er fragte nur eine einzige Sache, ganz ruhig: „Die Entscheidung des Trainers – lag die in deiner Hand?” Und dann schwieg er und wartete.
Querformat 3:2; Aquarell und Tinte, lockere Federlinie, Pinselspuren, Papierkorn; gedämpfte Erdtöne, Akzent senfgelbe Jacke. Lukas-Anker. Szene: EXTREME NAHSICHT auf Lukas' offene Hand, fast wie eine Schale vor sich gehalten; auf der Handfläche liegt ein warmer Lichtfleck. Sein Gesicht im Hintergrund unscharf, nachdenklich, suchend, nicht traurig. Stille, Konzentration. Eine Hand-Nahsicht – das Gegenstück zur weiten Einstellung der Seite zuvor.
Lukas presste die Lippen zusammen. „Nein”, sagte er endlich, leise. „Das hat er entschieden, nicht ich.” Lange sagte er nichts mehr. Es kam nicht alles auf einmal, und es kam nicht leicht. „Aber ob ich morgen wieder hingehe”, sagte er dann langsam, „das schon.” Er hielt inne, als überrasche ihn der eigene Satz. „Und wie ich übe, auch wenn ich nicht spielen darf.” Er ließ es dabei. Zwei Dinge. Aber sie standen.
Querformat 3:2; Aquarell und Tinte, Federlinie, Pinselspuren, Papierkorn; wärmere, etwas hellere Erdtöne, Akzent senfgelbe Jacke. Lukas-Anker und Opa-Anker (graue Strickjacke, Drahtbrille, Ehering). Szene: Opa erzählt, eine breite Hand ruhig ausgestreckt; im Hintergrund, ganz fein und durchscheinend wie eine Erinnerung gemalt, die angedeutete Silhouette eines schmalen Mannes in einfachem Gewand, aufrecht, der ruhig in ein Heft schreibt; eine Kette am Fuß nur ganz zart angedeutet, NICHT betont. WICHTIG: Die Silhouette wirkt würdevoll-ruhig, nicht leidend oder anklagend; das Bild soll Stille ausstrahlen, nicht Schmerz. Keine Namen, keine lesbare Schrift sichtbar.
„Der Mann, der dieses Büchlein geschrieben hat”, sagte Opa leise, „lebte vor sehr, sehr langer Zeit. Und er war nicht frei wie du. Er gehörte einem anderen Menschen, der über ihn bestimmen durfte.” Lukas stockte. Er bekam kaum Luft. „Das – das darf doch nicht sein.” „Nein”, sagte Opa ruhig. „Es war Unrecht. Großes Unrecht.”
Querformat 3:2; Aquarell und Tinte, lockere Federlinie, Pinselspuren, Papierkorn; sehr gedämpfte, stille Erdtöne, der Raum etwas weiter und leerer als auf der Seite zuvor, Akzent senfgelbe Jacke. Lukas-Anker, Opa-Anker. Szene: Beide sitzen still. Lukas sagt nichts, schaut auf das Büchlein in seinen Händen; Opa wartet, ohne zu drängen. Eine ganze Bildseite, die fast nur Schweigen zeigt – Raum, damit das eben Gehörte landen darf. Ruhiges Lampenlicht.
Eine Weile sagte Lukas gar nichts. Er sah auf das winzige Büchlein in seinen Händen und versuchte, sich das vorzustellen – und konnte es nicht. Dann fragte er, fast flüsternd: „Aber wie kann man frei sein, wenn man gar nicht frei ist?” Opa nickte, als sei das genau die richtige Frage. „Er schrieb es sinngemäß so”, sagte er: „Das Innerste in mir kann mir niemand nehmen. Nicht einmal der, dem ich gehöre.”
Querformat 3:2; Aquarell und Tinte, lockere Federlinie, Pinselspuren, Papierkorn; gedämpfte Erdtöne, Akzent senfgelbe Jacke. Lukas-Anker. Szene: Großaufnahme von Lukas' Hand, die sich langsam aus einer Faust öffnet – die Finger gerade erst gelöst, nicht ganz flach. Es ist sichtbar Bewegung, ein Anfang, kein Ende. Das Licht liegt warm in der sich öffnenden Hand. Sehr ruhig, ernst, kein Kitsch. Nur die Geste – keine zweite Deutung im Bild.
Lukas dachte nach. „Soll ich einfach so tun, als ob es mir egal ist?”, fragte er. „Nein”, sagte Opa. „Es ist dir nicht egal. Das soll es auch nicht sein.” Da merkte Lukas, dass er die ganze Zeit die Faust geballt hatte – so fest, als könnte er die Entscheidung des Trainers mit bloßer Kraft zurückdrücken. Ganz langsam öffnete er sie. Er war immer noch wütend, und das Unrecht war immer noch Unrecht. Das Licht lag warm in seiner offenen Hand.
Querformat 3:2; Aquarell und Tinte, Federlinie, Pinselspuren, Papierkorn; klares, kühles Morgenlicht in gedämpften Tönen, Akzent senfgelbe Jacke. Lukas-Anker. Szene: Lukas sitzt am Rand auf der Bank, die Schultern etwas nach innen gefallen, der Kiefer leicht zusammengepresst, die Hände liegen locker, aber schwer im Schoß, der Blick kurz zur Seite gewandt – ein Mensch, der etwas Schweres trägt und trotzdem bleibt. Kein Triumph, kein Trost. Der Trainer ist NICHT zu sehen, nur angedeutete Beine spielender Kinder am Bildrand. Tau auf dem Gras, lange Morgenschatten.
Am nächsten Dienstag ging Lukas zum Training. Er saß auf der Bank, wie der Trainer es bestimmt hatte – das lag nicht in seiner Hand. Einmal, als die anderen ein Tor schossen, zog sich seine Kehle zusammen, und für einen Moment wollte er einfach aufstehen und gehen. Er schluckte. Er blieb. Wie er dort saß, das lag in seiner Hand. Und nach dem Training blieb er allein auf dem Platz und übte, bis es dunkel wurde – und mit jedem Schuss dachte er ein bisschen weniger an den Trainer und ein bisschen mehr an den Ball.
Querformat 3:2; Aquarell und Tinte, lockere Federlinie, sichtbare Pinselspuren, Papierkorn; warme, ruhige Abendtöne, Akzent senfgelbe Jacke. Lukas-Anker. Szene: Lukas sitzt am Fenster, draußen blaue Dämmerung, die Hand in der Jackentasche, in der das kleine alte Büchlein steckt. Sein Blick geht aus dem Fenster, ruhig und wach. Auf dem Tisch neben ihm eine zweite, leere Teetasse als leiser Hinweis auf Opa. Geborgenheit und offene Weite zugleich. Kein aufgelöster Konflikt – ein offener Atemzug.
Das Unrecht war nicht verschwunden. Vielleicht würde der Trainer sich nie entschuldigen. Aber Lukas dachte an Opas große, ruhige Hände und an den einen Satz im Büchlein, das er jetzt in der Jackentasche trug. Manchmal, wenn er die Hand hineinsteckte und es einfach nur durch den Stoff hindurch berührte, spürte er etwas, das ihm keiner mehr erklären musste: Das Unrecht war da – und trotzdem gab es etwas in ihm, an das kein Trainer und kein Unrecht der Welt herankam. Das gehörte ihm. Und er fing gerade erst an zu verstehen, was das bedeutete.

Wenn dir das nächste Mal etwas wirklich Unfaires passiert: Fühlt es sich für dich wie Aufgeben an, nur das zu tun, was in deiner Hand liegt – oder ist es etwas ganz anderes?

θ · Didaktik

Zweiter Teil

Zum Weiterdenken

Didaktisches Begleitmaterial zur Freiheit & Selbstbestimmung

Didaktische Idee

Die Geschichte führt spielerisch an die stoische Grundunterscheidung heran: Manches steht in unserer Macht (unsere Urteile, Absichten, Reaktionen, unser Charakter), das meiste andere nicht (was andere tun, entscheiden, von uns halten). Nicht das Unrecht wird kleingeredet – sondern die Frage gestellt, wohin Lukas seine begrenzte Kraft legt. Wichtig: Die Einsicht kommt nicht als Erleuchtung, sondern gegen Lukas' eigenen Widerstand und bleibt am Ende unvollständig und suchend. Die geöffnete Faust ist der Beginn einer Erkenntnis, keine Versöhnung mit dem Unrecht.

Philosophischer Kern

Frei nach Epiktets Encheiridion: Die Unterscheidung von eph hemin (was in unserer Macht steht) und ouk eph hemin (was nicht). Wer beides verwechselt, wird unfrei und unglücklich; wer es trennt, gewinnt eine Freiheit, die selbst unter Zwang Bestand hat. Wichtig: Das ist Erkenntnis und Selbststand, nicht bloße Entspannung oder Resignation – und Hinnehmen einer Tatsache ist nicht dasselbe wie ihr Gutheißen. Epiktet beginnt nicht mit einer sanften Frage, sondern mit einer schroffen Behauptung; darum ist der Satz im Büchlein als Behauptung formuliert, nicht als Ratgeber-Frage – und ausdrücklich als sinngemäße Übertragung markiert, kein wörtliches Zitat.

Die fünf Maßstäbe — eine Landkarte

MaßstabFigurKernanspruchAus dem AlltagDenktradition
Was steht in meiner Macht?Epiktet (Stoa)Nur die eigenen Urteile, Absichten und Reaktionen; alles Äußere nicht – darum dort die Freiheit suchen.Lukas kann den Trainer nicht ändern, wohl aber, wie er sich verhält und ob er weiter übt.Stoizismus, antike Ethik der Selbstbeherrschung.
Gegenposition: Ist Hinnehmen gleich Gutheißen?Politische Philosophie (u. a. John Rawls)Nein: Unrecht bleibt Unrecht; gegen ungerechte Strukturen muss man handeln, nicht nur die eigene Haltung ändern. (Dies ist ausdrücklich eine Gegenposition, keine Denkerfigur der Geschichte.)Der Trainer wird nicht entschuldigt; sein Schulterzucken bleibt Unrecht.Gerechtigkeitstheorie, Ethik des Widerstands und Engagements.
Kann man unter Zwang innerlich frei sein?Der versklavte Schreiber (Epiktet selbst)Das Innerste – Denken und Haltung – ist auch dem nicht entreißbar, der äußerlich gebunden ist. Das hebt das Unrecht der Versklavung nicht auf, sondern setzt es voraus.Der Mann im Büchlein gehörte einem anderen und behielt doch seine Würde.Stoische Freiheitslehre; Wirkung bis Viktor Frankl.
Wo endet Loslassen, wo beginnt Aufgeben?Die offene FaustLoslassen heißt, Kraft nicht ins Unänderbare zu verschwenden, sondern ins Eigene – nicht zu kapitulieren. Die Grenze bleibt offen und ist selbst zu erstreiten.Lukas übt weiter „für sich”, statt sich der Ohnmacht zu überlassen – und ist dabei weiter wütend.Praktische Ethik, Resilienzdenken.

Leitfragen für das Gespräch

Zum Einstieg

  • Was ist Lukas passiert – und warum empfindet er es als ungerecht?
  • Was wollte Lukas zuerst, dass die Welt tut?
  • Welcher eine Satz im Büchlein verändert für ihn etwas – und warum tut der Satz beinahe weh?

Zum Vertiefen

  • Was genau lag in Lukas' Hand und was nicht? Sortiert es gemeinsam – und achtet darauf, dass die Liste, die Lukas selbst findet, unvollständig bleibt. Warum lässt die Geschichte sie unvollständig?
  • Warum ist es gerade ein unfreier Mensch, der schreibt, ihm könne niemand das Innerste nehmen? Was sagt das aus?
  • Lukas sagt zuerst: ‚Das fühlt sich an wie Aufgeben.' Der Text widerspricht dem nicht sofort, sondern lässt Lukas selbst weitersuchen. Wer hat recht – und wodurch unterscheidet sich Loslassen vom Aufgeben?
  • Opa lässt zuerst Lukas' Wut gelten (‚Ja. Das war nicht gerecht.') und stellt dann nur eine einzige Frage und schweigt. Warum gibt er Lukas nicht gleich die ganze Antwort? Was wäre verloren gegangen?

Zum Streiten (ältere)

  • Ist es nicht bequem, einfach die eigene Haltung zu ändern, statt das Unrecht zu bekämpfen? Wann ist das feige, wann weise?
  • Gibt es Unrecht, gegen das man kämpfen MUSS, statt nur die eigene Haltung zu ändern? Woran erkennt man den Unterschied?
  • Heißt ‚etwas hinnehmen, das ich nicht ändern kann' dasselbe wie ‚es gutheißen'? Wo verläuft die Grenze?
  • Kann man wirklich frei sein, während ein anderer über einen bestimmt – oder ist das nur ein Trost?
  • Kann man gleichzeitig wütend sein und loslassen, oder schließt das eine das andere aus?

Gestaffelte Aufgaben

Leicht — Male oder schreibe Lukas' Hand: Auf die offene Seite kommt, was in seiner Macht steht; daneben, was nicht. Mindestens drei Dinge pro Seite.

Mittel — Nimm eine eigene unfaire Erfahrung und schreibe einen kurzen Text in zwei Spalten: „lag in meiner Hand / lag nicht in meiner Hand”. Schreibe einen Satz dazu, was du beim Sortieren gemerkt hast – und einen zweiten dazu, ob ‚lag nicht in meiner Hand' wirklich heißt, dass du schuld warst.

Bonus — Schreibe einen kurzen Dialog, in dem zwei Figuren streiten: Eine sagt, man solle nur die eigene Haltung ändern; die andere sagt, man müsse gegen das Unrecht kämpfen. Lass keine der beiden einfach gewinnen.

Fächerübergreifende Anbindung

  • Ethik / Philosophie: Stoische Unterscheidung von Eigenem und Fremdem; innere Freiheit; Grenze von Hinnehmen und Gutheißen.
  • Religion / Werte und Normen: Umgang mit erlittenem Unrecht; Würde unabhängig von Umständen.
  • Deutsch: Parabel mit offener Schlussfrage; Figurenrede und innere Wandlung beschreiben; eine Behauptung statt einer Ratgeberfrage als Schlüsselsatz.
  • Sozialkunde: Wann ändert man die eigene Haltung, wann muss man Strukturen ändern? Gerechtigkeit und Widerstand.
  • Sport: Fairness, Auswahlentscheidungen, Umgang mit Bankzeit und Enttäuschung.

Hintergrund für Lehrende

Epiktet

Epiktet (ca. 50–135 n. Chr.) wurde als Sklave geboren und lehrte nach seiner Freilassung als einer der einflussreichsten stoischen Philosophen. Selbst schrieb er nichts; sein Schüler Arrian hielt seine Lehre im „Encheiridion” (Handbüchlein) fest. Dessen erster Satz trifft den Kern der Geschichte: Manches steht in unserer Macht (eph hemin) – unsere Urteile, Absichten, Reaktionen –, anderes nicht – Besitz, Ansehen, was andere tun. Unglück entsteht, wo wir beides verwechseln und nach dem greifen, was uns nie gehören kann. Wichtig: Epiktet beginnt nicht mit einer sanften Frage, sondern mit einer schroffen Behauptung – darum ist der Satz im Büchlein als Behauptung formuliert („Manches liegt in deiner Hand. Manches nicht. Wer das verwechselt, wird nie ruhig.”), nicht als Ratgeber-Frage, und Lukas spürt die Schärfe selbst. Epiktet verlangt Erkenntnis und Selbststand, nicht bloße Beruhigung. Die innere Freiheit, die er meint, ist die des Menschen, der weiß, was wirklich sein ist – nicht die Resignation dessen, der das Unrecht gutheißt. Sein Gedanke wirkte bis in die Gegenwart, etwa bei Viktor Frankl, der unter äußerstem Zwang an der „letzten Freiheit” festhielt, die eigene Haltung zu wählen. Hinweis zur Redlichkeit: Sowohl der Satz, den Lukas im Büchlein liest, als auch die Worte, die Opa später vorliest und zitiert, sind Nachempfindung, kein wörtliches Zitat aus dem Encheiridion; im Text ist das durch die Wendungen „ein alter Satz, sinngemäß ins Heutige übertragen” (Lukas' Lesart) und „Er schrieb es sinngemäß so” (Opas Paraphrase) jeweils ausgewiesen.

Der Einwand

Der stärkste Einwand gegen Epiktet, den auch dieses Buch offenhält: Wer nur die eigene Haltung ändert, riskiert, sich mit Unrecht abzufinden, das man bekämpfen sollte. Eine rein innere Freiheit kann zur Ausrede werden, ungerechte Strukturen unangetastet zu lassen. Die ehrliche Lesart trennt deshalb scharf: Eine Tatsache anzuerkennen, die man gerade nicht ändern kann, ist nicht dasselbe wie sie für gut zu erklären. Lukas heißt das Unrecht nicht gut – er hört nur auf, seine Kraft an etwas zu verschwenden, das nicht in seiner Hand liegt, und gewinnt sie zurück für das, was wirklich seins ist; dabei bleibt er ausdrücklich wütend. Die politische Philosophie (etwa bei John Rawls) erinnert daran, dass Gerechtigkeit Strukturen betrifft, nicht nur Gesinnung – stoische Selbstbeherrschung und Engagement gegen Unrecht schließen einander nicht aus, sondern müssen unterschieden werden. Genau diese Grenze – wann tragen, wann kämpfen? – lässt das Buch bewusst offen und gibt sie als Frage an die Lesenden weiter, statt sie für das Kind zu entscheiden.