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thauma. junior · Wahrheit · ab 5

Der Elefant im Dunkeln

Ein Bilderbuch über die Wahrheit

Was ist wahr? Eine schwere Frage – und doch gibt es eine uralte Geschichte, die sie einem Kind in einem einzigen Bild erzählt. Fünf kleine Tiere tasten in einer dunklen Nacht nach einem riesigen Wesen, und jedes berührt nur einen Teil: die eine den Rüssel und hält ihn für eine Schlange, die andere das Ohr und hält es für ein Blatt.

Jedes Tier hat recht – und doch hat keines das Ganze. „Der Elefant im Dunkeln" erzählt diese sehr alte Parabel neu (überliefert in buddhistischen und jainistischen Texten, im Westen berühmt durch den Dichter Rumi). Das Buch verrät nicht, was der Riese wirklich ist. Es lässt staunend offen, dass die Wahrheit größer sein könnte als jede einzelne Sicht.

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Alle 18 Doppelseiten – Bild und Vers.

Mondheller Waldrand bei Nacht, tiefblauer Himmel, goldener Vollmond, weiche runde Baumkronen; fünf winzige Tierfiguren am unteren Rand, klein und friedlich.
Der Mond hängt rund und golden da, und leise wird der Wald ganz nah. Fünf kleine Tiere ziehn vereint hinaus, wo nun der Mond schon scheint.
Die fünf Freunde — Maus, Hase, Biber, Igel, Fröschin — im sanften Mondlicht, alle gleich groß und freundlich beleuchtet, neugierig in die Dunkelheit blickend.
Sie tappen durch das weiche Gras, und denkt sich still: Was ist denn das? Im Dunkeln ruht — man sieht es kaum — ein Etwas, riesig wie ein Traum.
Mara Maus klettert im Mondlicht an einem dicken, schlauchartigen Etwas empor (dem Rüssel), das sich sanft windet; der Rest des Riesen bleibt im Dunkeln.
Die Maus erklimmt, was vor ihr liegt, ein Ding, das sich im Dunkel biegt. Es ist so lang, es ist so glatt — und davon wird die Maus ganz matt.
Nahaufnahme: Maras kleine Pfote auf der glatten, biegsamen Oberfläche des Rüssels; Maus mit großen Augen, Mondlicht von oben.
"Ich weiß es nun!", die Maus, sie lacht, "hier schläft die Schlange tief bei Nacht. So lang, so glatt, so still und schlank — ich folge ihr und sage Dank."
Hanno Hase steht aufgerichtet vor einer breiten, dünnen, fächerförmigen Fläche (dem Ohr), die sich im Nachtwind leicht bewegt; warmes Gold auf Tiefblau.
Der Hase tastet: dünn und breit liegt etwas da, zur Nacht bereit. Es wiegt im Wind, es weht und wacht und fächelt Kühle durch die Nacht.
Nahaufnahme: Hannos Pfoten halten den Rand des großen Ohrs wie ein Blatt; der Hase staunt, Mondlicht scheint durch die dünne Fläche.
"Ein Blatt", so ruft der Hase keck, "so groß wie ich, am selben Fleck! Wie schön, dass hier in stiller Pracht ein Riesenblatt im Mond erwacht!"
Bruno Biber umarmt mit beiden Armen eine dicke, runde Säule (das Bein), die fest im Boden steht; der Biber misst sie staunend ab.
Der Biber stößt an einen Pfahl, so rund und fest, so kühl wie Stahl. Er klopft daran — es klingt nicht hohl — er kennt sich aus mit Holz recht wohl.
Nahaufnahme: Brunos Pfoten an der breiten Beinsäule; der Biber blickt anerkennend hinauf, das obere Ende verliert sich im Dunkeln.
"Ein Baumstamm", brummt er, "stark und breit, gewachsen seit der alten Zeit! So dick war keiner, den ich fand — hier steht der größte Baum im Land."
Der kleine Igel Ida hält ein dünnes, herabhängendes Etwas mit einer Quaste am Ende (den Schwanz) in den Pfoten; es baumelt im Mondlicht.
Der Igel greift ein dünnes Tau, es baumelt frei, er schaut genau. Am Ende hängt ein Büschel Haar, so fein und kitzlig, wunderbar.
Nahaufnahme: Idas Pfötchen umschließen den schmalen Schwanz; der Igel zieht prüfend daran, Augen voller Eifer.
"Ein Seil", piepst Ida, "fest und fein, zum Klettern muss das nützlich sein! Wer hat es hier so fest geschnürt? Ich hab es gleich als Seil gespürt."
Frieda Frosch sitzt vor einer großen, warmen, leicht gewölbten Fläche (der Flanke), die sich kaum merklich hebt und senkt; sanftes Atmen angedeutet.
Die Fröschin lehnt sich an die Wand, so warm, wie sie noch keine fand. Sie ist so breit, sie ist so hoch — und hebt und senkt sich leise doch.
Nahaufnahme: Friedas Hand auf der warmen, atmenden Flanke; die Fröschin lauscht mit geschlossenen Augen, Gold und Blau verschmelzen.
"Die Wand ist warm", die Fröschin spricht, "das kenn ich von den Mauern nicht. So sanft, so weit im Mondenschein — wie schön muss hier das Wohnen sein!"
Die fünf Tiere treffen sich wieder im Mondlicht, jedes vom eigenen Teil zurückkehrend, mit leuchtenden Augen; rund angeordnet, gleichwürdig.
Sie treffen sich, der Mond steht hoch, ein jedes staunt und rätselt noch. Die Maus die Schlange, lang und glatt, der Hase sein gefächelt Blatt.
Die Tiere erzählen einander eifrig, kleine Gesten; warmes Beisammensein, aber leicht verwundert, keiner versteht den anderen ganz.
Der Biber pocht: "Ein Baum, ganz klar!" "Ein Seil!", der Igel ruft sogar. Die Fröschin sagt: "Nur eine Wand!" — doch keiner gibt dem andern Hand.
Die fünf still nebeneinander, ratlos und doch nicht streitend; über ihnen, kaum sichtbar im Dunkeln, deutet sich eine riesige ruhige Silhouette an, nie ganz erkennbar.
Sie schweigen still — wie kann das sein? Ein jeder hat doch recht, allein. Die Schlange, Blatt und Baum und Band und Wand: Sie sind in einer Hand?
Ein sanfter, warmer Atemzug bewegt das ganze Bild; die Tiere spüren den Hauch, Mondlicht zittert, der Riese bleibt im Dunkeln verborgen.
Da geht ein Atem, tief und lind, und streicht wie Wärme durch den Wind. Ein Schnauben, sanft, ein leiser Ton — und alle ahnen etwas schon.
Die Tiere blicken staunend nach oben in die Dunkelheit; man sieht nur Teile — ein Ohr, ein Stück Rüssel, ein Bein — nie das ganze Tier, voll Staunen.
Vielleicht hat Schlange, Baum und Wand und Seil und Blatt ein Band gespannt. Vielleicht ist alles, was sie fanden, ein Großes, das sie nie verstanden.
Die fünf kleinen Tiere sitzen eng beisammen im Mondlicht, friedlich staunend; vor ihnen die nächtliche Weite, das Ganze bleibt offen und groß — der Leser blickt mit.
Ein jeder fühlt nur einen Teil — das Große bleibt geheim derweil. Der Mond scheint hell, der Wald scheint klar — doch was sie fanden, bleibt sonderbar. Und du? – Bist du sicher?

Didaktische Hinweise

So liest man dieses Buch

Diese Geschichte erzählt eine sehr alte Parabel neu — „Die Blinden und der Elefant". Sie stammt ursprünglich aus dem alten Indien und ist in buddhistischen wie jainistischen Texten überliefert (am bekanntesten im buddhistischen Udana); im Westen wurde sie vor allem durch den persischen Dichter Rumi berühmt — er hat sie weitergegeben und neu erzählt, aber nicht erfunden. Der Kern: Jeder berührt nur einen Teil und hält ihn für das Ganze — und jeder hat dabei auf seine Weise recht. Statt zu belehren, lädt das Buch zum gemeinsamen Staunen ein: Vielleicht ist das, was wir sicher zu wissen glauben, nur ein Stück von etwas viel Größerem. Sprechen Sie mit Ihrem Kind ohne richtige Lösung: Was hat jedes Tier gespürt? Hatte eines von ihnen unrecht? Und die Schlussfrage „Und du? – Bist du sicher?" dürfen Sie ruhig offen stehen lassen — sie ist eine Einladung zur Neugier, kein Test.

Drei Gesprächsimpulse danach:

  • „Was meinst du – wer hat recht? Und warum?"
  • „Was würde wohl ein anderes Tier dazu sagen?"
  • „Kann es vielleicht mehr als eine richtige Antwort geben?"

Was Kinder hier üben:

  • Perspektivübernahme – die Welt mit anderen Augen sehen.
  • aushalten, dass mehrere gute Sichten nebeneinanderstehen.
  • spüren, dass eine Frage offen bleiben darf – und das Staunen lieben.

Wichtig: nicht zu schnell auflösen. Ihr „Ich weiß es auch nicht – schön, oder?" ist die beste Antwort.